Auge um Auge, Zahn um Zahn? Oder: eine lebbare Lösung finden

Arila Siegert über Bock/Steins „Anatevka“

Premíere: Mittelsächsisches Theater Freiberg/Döbeln, 13.Mai 2017
Musik. Leitung: Alexander Livenson
Regie: Arila Siegert
Ausstattung: Marie-Luise Strandt
Bühnenbild-Idee: Grit Dora von Zeschau

Gebet

„Ein Fiedler auf dem Dach“ heißt das Stück auch. Der Titel bezieht sich auf Chagall und sein Geigerbild. Es ist auch eine schöne Metapher für die Situation der hier gezeigten jüdischen Menschen in dem ukrainischen Dorf Anatevka um 1905. Es geht um Tradition, Wandel, Anfeindungen, Wanderschaft. Was sind die stärkeren Momente dieses Wandels: äußere oder innere?

Das wichtigste ist die Suche nach einem lebbaren Kompromiss. Tradition ist das Eine, festgefügt von den Urvätern seit Abraham, Isaac und Moses –, konfrontiert wird das mit dem Leben und dem sich wandelnden Denken der jeweils jüngeren Generationen. Die Frage ist, wie brechen wir die Tradition auf und halten dennoch unserer Kultur die Treue, ohne dass wir dogmatisch werden?

Die drei Töchter üben Hochzeit

Die Bühne ist ein stilisierter Gebetsschal. Es gibt in der Inszenierung einen leibhaftigen Fiedler, der durch die Szene und gleichsam über die Dächer schwebt. Der Wandel wird gezeigt vor allem an Tevje, dem armen Milchmann mit auch höheren Ambitionen. Er ist bibelfest und ein Schlitzohr. Er wird konfrontiert in seiner Rolle als Vater von seinen drei erwachsenen Töchtern und dem Studenten Perchik, der neue Ideen des Zusammenlebens propagiert. Wie kann Tevje da bestehen?

Tevje sagt nicht: es ist so wie es ist. Er möchte das „gute Buch“, die Bibel studieren „bis wir sie verstehen“. Er hat den inneren Drang nach Weisheit. Er weiß, dass wir Menschen irren. Trotzdem steht er zu sich und seiner Art zu denken. Und er vertraut darauf, dass er im Dialog mit dem Geist, dem Gott, dem höheren Selbst, eine fruchtbare Auseinandersetzung führen kann. Er diskutiert, wägt ab, fragt, konfrontiert sich mit den anstehenden Problemen und findet eine Lösung. Und wenn sie noch so schmerzlich ist, wie mit der Tochter Chava, die Fedja, einen Russen heiratet – gegen seinen Willen. Er findet auch da noch einen Weg, indem er dem Paar Gottes Segen wünscht. In Sergio Radonic Lukovic haben wir einen großartigen Sängerdarsteller als Tevje, der die ganze Palette der Menschendarstellung zum Klingen bringt.

Tevje mit Hodl und Perchik

Auch im Umgang mit seiner Frau Golde entwickelt sich bei Tevje etwas. Nach 25 Jahren Ehe fragen sich beide zum ersten Mal, ob sie sich überhaupt lieben.

Das ist so charmant: durch die Töchter, die sich alle verlieben in Männer, die sie sich selber ausgesucht haben und die aus Liebe heiraten wollen, ist Tevje wie infiziert. Und er fragt sich, was ist denn das, Liebe, was hat das denn mit mir zu tun? Und dann fragt er Golde, ob es wohl Liebe ist, was sie verbindet. Und Golde versteht erst gar nicht, was er meint. Bis sie dann zum Kern ihrer Beziehung vorstoßen, die von Achtung und Liebe geprägt ist. Das ist ganz bezeichnend für das Stück, wo es letztlich geht um die Liebe zu Gott, zu sich selbst und zum Nächsten.

Golde und Tevje: ist es Liebe?

Du hast das Stück schon einmal gemacht vor Jahren. Von da stammt auch die Idee für das wunderbare Bühnenbild von Grit Dora von Zeschau jetzt in der Ausstattung von Marie- Luise Strandt kongenial umgesetzt. Damals hattest du neben den Solisten eine Tanztruppe, jetzt ist das mit dem Chor gelöst.

Ich war erst sehr skeptisch, dachte, ich muss vieles ganz anders machen, war gespannt darauf. Und ich bin überrascht, mit welchem Enthusiasmus, welcher Hingabe, Kraft und welchen Fähigkeiten dieser Chor diese große chorsolistisch-schauspielerisch-tänzerische Aufgabe leistet. Jeder im Chor ist ein Solist.

Das Gerücht

Die Produktion ist im historischen Umfeld belassen. Wahrscheinlich wäre es kaum möglich, es in die heutige Zeit umzusetzen; die äußeren Bedingungen sind ganz andere, geradezu umgekehrt. Was kann man dennoch daraus „lernen“ – etwa im Umgang fremder Kulturen miteinander? Es gibt im Stück ja auch den russischen Offizier, der mehr Verständnis für die Leute im Dorf hat als für seine Obrigkeit.

Das Stück ist sehr hermetisch, erzählt diese Ängste im Nebeneinander der Kulturen. Auf der anderen Seite hat das Stück sehr viele Ebenen – eine politische, menschliche, soziale, transzendentale. Die menschliche Ebene ist gültig für immer, auch für heute im Umgang miteinander. In einer Familie ist man sich ja manchmal genauso fremd. Die Vorlage dieses Stücks – der Mikrokosmos im Makrokosmos – ist so gut, dass man ohnehin nur einen Zipfel von dem zeigen kann, was drinsteckt. Das ist ein richtiges Weltstück. Der Offizier illustriert den fatalen Kadavergehorsam, der mit dem menschlichen Fühlen und der Verantwortung nicht zusammengeht und Krieg ermöglicht. Er leitet ein Pogrom und sagt zu Tevje: „Ich habe damit nichts zu tun“.

Der russische Offizier und das Pogrom

Es gibt ja auch Regionen in der Welt, zumal in Nahost, wo der Kampf zwischen tradierten Lebensformen und der Moderne sehr heftig wogt. Aber man muss gar nicht so weit gehen.

Das ist ja das Tolle an dem jüdischen Denken, dass es so flexibel ist. Deswegen haben die Juden es vielleicht auch immer wieder geschafft, trotz Heimatlosigkeit sich anzupassen und sich zu behaupten: Diese Klugheit, nicht sich ins Zentrum zu setzen, sondern Gott, diesen großen Ur-Vater, an dem man sich als Mensch abarbeiten muss; diese Flexibilität im Denken und im Drang, eine lebbare Lösung zu finden und nicht mit „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, obwohl das in dieser Religion steckt und wir es heute in der Politik der Regierung in Israel fatal erleben, sondern nach Frieden und Verständigung zu suchen auf Augenhöhe. Die Kinder sind so erzogen, dass sie dem Vater Widerpart bieten können. Das ist eine große Leistung der Eltern, dass sie die Kinder nicht gebrochen und gedrillt haben, sondern dass sie ihre Persönlichkeiten achten. Diese Achtung ist aus Liebe gespeist. Tevje und Golde lieben die Kinder und sie lieben einander. Und deswegen ist Tevje auch so anerkannt im Ort als Instanz. Für das Solistenensemble eine große Aufgabe, die sie auf hohem Niveau bewältigen.

Ausreise

Das „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ wird im Stück im Zusammenhang mit dem Pogrom mal kurz erwogen, aber verworfen.

Tevje sagt: Wenn man gegen das Pogrom aufstehen und sich Auge um Auge, Zahn um Zahn verteidigen würde, dann wäre die ganze Welt bald blind ohne Zähne.

Tevje diskutiert weiter

Interview/Fotos: gfk, 06. Mai 2017


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