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Zum Lachen und zum Weinen schön

Das jüdische Schtetl zerbricht und ein Vater ringt um seine Würde: "Anatevka" ist am Mittelsächsischen Theater spannend wie unterhaltsam und satt an Bildern.

Von Marianne Schultz, Freie Presse, 16.05.2017

Das Mittelsächsische Theater Freiberg-Döbeln zieht mit "Anatevka" seine größte Trumpfkarte - mit Sängern, die auch erstklassige Komödianten und Märchenerzähler sind. Das Publikum spendete zur Musical-Premiere am Sonnabend in Döbeln begeistert Beifall.

Ein regelrechter Kosmos jüdischen Denkens entsteht, entfesselt vom Milchmann Tevje, der ein guter Jude sein und darum in der Tradition seiner Väter leben will, von einem ganzen Spektrum gewitzter Frauen bis hin zum Chor. Der singt nicht nur oder schreitet und "bewegt sich", er tanzt unglaublich ausdrucksstarke Lebensbilder, webt und verdichtet eine Vorstellung davon, was einst das jüdische Schtetl Anatevka, ein Dorf in der Ukraine um 1905, ausgemacht haben könnte. Von hochzeitlicher Lebensfreude über eine handfeste Klopperei bis zum Zerrbild von Wahnvorstellungen aus dem Jenseits rund ums Ehebett ist alles dabei.

Tragischer Höhepunkt ist der Auftritt der zaristischen Staatsmacht mit dem Befehl, die Juden müssen binnen drei Tagen den Ort verlassen. Es wird gepackt. Das wenige Hab und Gut, zuvor der ganze Stolz, das ganze Begehren der Familien, werden zurückgelassen. Stühle, Eimer, Bettzeug hängen demonstrativ an der Decke. Wieder einmal heißt es Abschied nehmen, eine neue Heimat finden, wo auch immer - aber mit Gott.

Höchst raffiniert rauscht der lange Über-drei-Stunden-Abend in ästhetischen Bildern kurzweilig vorüber. Musikalisch ohnehin reichhaltig mit bekannten Zugnummern ("Wenn ich einmal reich wär"), balanciert das Stück auf dem schmalen Grat der Familiengeschichte vor dem Hintergrund einer tödlichen Vertreibung. An Dramatik ist das nicht zu überbieten.

Mit größter Sorgfalt entwickelt Arila Siegert, selbst einst eine erfolgreiche Tänzerin, das bekannte Werk des Komponisten Jerry Bock, das seit seiner Uraufführung 1964 in New York seinen Siegeszug um die Welt antrat. Banale Rührseligkeit erspart sie dem Publikum. Viel zu stark sind die Botschaften der Szenen, in denen arme, einfache Menschen um ihre Würde und Zukunft ringen, junge Frauen um ihr Lebensglück, das sie keiner Heiratsvermittlerin anvertrauen wollen. Und mittendrin wächst die Erkenntnis eines Vaters, dass die Jugend ein neues Selbstbewusstsein entwickelt und die Geschicke nicht allein Gott anvertrauen will.

Auf die Rolle des populären Milchmanns hat der Sänger Sergio Raonic Lukovic seit langem hingearbeitet, es ist eine der schönsten Rollen seines Fachs. Sängerisch prachtvoll, ist sein Tevje in jeder Hinsicht liebenswert und glaubwürdig, eine kraftvolle, bodenständige und mit Mutterwitz gesegnete Figur. Wie er seine Frau Golde (Susanne Engelhardt) mit einem Albtraum um den Finger wickelt und von der verabredeten Hochzeit mit dem Fleischer Lazar Wolf abbringt, ist inszenatorisch ein Glanzstück an diesem Haus und bringt den ganzen Saal in dieser Wunderwelt Theater zum Lachen und zum Staunen.

Doch Raonic Lukovic stemmt die Chose nicht allein, und die Stimmung könnte nicht besser sein: Das ganze Ensemble ist spitzenmäßig aufgelegt.


Publikum feiert grandiose Premiere von „Anatevka“

Ein minimalistisches Bühnenbild lässt die Facetten des Stücks erst richtig wirken. Der Einsatz des Chors ist sehr geschickt.

Von Gabi Gelbrich, Sächsische Zeitung, 15. Mai 2017

Stumm betritt ein Zug gebeugter, koffertragender Personen die Bühne. Schritt um Schritt füllt sich langsam die weiße Wand im Hintergrund mit diesen Geschöpfen, die für den Zuschauer nur als schwarze Silhouetten sichtbar sind. Doch nur wenig später bekommen die anonymen Schattenmenschen Gesichter. Und schon ist das Publikum mitten im Geschehen. In den nächsten Stunden wird es in den Strudel des Lebens des kleinen ukrainischen Dorfs Anatevka gezogen. Im Mittelpunkt steht der Milchmann Tevje mit seiner Frau Golde und den fünf Töchtern.

Drei von ihnen werden unter die Haube gebracht. Doch keines von den Mädchen wird sich an das halten, was Vater, Mutter und die Tradition von ihnen verlangen. Am Ende kommt der Pogrom – alle müssen Anatevka innerhalb von drei Tagen mit gepackten Koffern verlassen. Dies ist kurz umrissen, der Inhalt des Musicals „Fiddler on the Roof“ von Joseph Stein, Jerry Bock und Sholdon Harnick, das, 1964 in New York uraufgeführt, zu einem der erfolgreichsten Musicals wird.

Und die Inszenierung in Döbeln? Die Premiere am Sonnabend ist ein voller Erfolg. Es stimmte einfach alles. Arila Siegert (Inszenierung und Choreografie) erzählt die Geschichte mit wunderbarer Leichtigkeit ohne an irgendeiner Stelle oberflächlich zu werden. Immer wieder taucht das starke Bild des gepackten Koffers auf.

Diese Inszenierung hat Platz zum Atmen. Marie-Luise Strandt setzt das Bühnenbild nach den Entwürfen von Grit Dora von Zeschau im Theater um: Ein weißer Raum mit schwarzen horizontalen Streifen in der Galerie – eine klare, minimalistische Formsprache, die die Gestalt eines jüdischen Gebetsschals aufgreift. Diese Bühne lässt nun dem Ensemble Platz und Raum für eine facettenreiche, hingebungsvolle Darstellung. Allen gebührt hierfür großes Lob und Hochachtung, sodass es schwerfällt, einzelne Solisten hervorzuheben. Aber die beiden Protagonisten Sergio Raonic Lukovic als Milchmann Tevje und Susanne Engelhardt als seine Frau Golde tragen in ihren Rollen glänzend mit ihrer Spielfreude durch das Musical und reißen alle anderen mit.

Ein gekonnter Schachzug der Macher des Stückes bleibt der Einsatz des Chors, der nicht nur chorsolistisch, sondern auch tänzerisch und nicht zuletzt schauspielerisch am Erfolg des Stückes einen großen Anteil hat. Das Orchester unter Leitung von Alexander Livenson ist wesentlich am Triumph beteiligt. Das Publikum ist begeistert und spendet über zehn Minuten mit Bravorufen und stehenden Ovationen Applaus. In Döbeln wird Anatevka nochmals am 21. Mai gezeigt.


Strapaze für die Lachmuskeln ohne Happy End

Geschichte vom Fiedler auf dem Dach voller Erfolg

Hagen Kunze, in: DAZ 15.05.2017

Ausverkauftes Haus sowie zehn Minuten frenetischer Beifall – von der jüngsten „Anatevka“ wird man in Döbeln noch lange reden. Weil an diesem Abend im Mittelsächsischen Theater vieles passt: ein Regieteam, das das Stück ernst nimmt, Sänger, die die Vielschichtigkeit des Werks darstellen können und Musiker, die unter der dezenten Leitung von Alexander Livenson zeigen, was sich an Tiefe hinter den einfachen Melodien verbirgt.
 
Jerry Bocks „Fiddler on the Roof“ ist erst gut ein halbes Jahrhundert alt, und doch ist das Musical, das in der deutschen Version nach dem Ort der Handlung „Anatevka“ heißt, längst ein Klassiker, obwohl es jeder Bühnenkonvention zu widersprechen scheint. Es gibt kein Happy End, die Geschichte um osteuropäische Juden, die kurz vor der russischen Revolution im Angesicht von Pogromen und  bitterer  Armut  zu überleben versuchen, schnürt einem bisweilen den Hals zu. Und dann kippt die Handlung wieder, und man lacht mit Tevje, der dem tristen Leben doch immer wieder aufs Neue mit Scharfsinn und Humor begegnet.
 
Für Sergio Raonic Lukovic ist das eine Traumrolle. Denn der Spielbariton, der im Theater oft den Komödianten gibt, darf hier auch die ernsten, düsteren Seiten Tevjes auskosten – und dann doch immer wieder dessen schier unendliche Glaubens-Gewissheit ausbreiten. Das anzusehen und anzuhören, ist allein schon den Eintritt wert. Denn „Anatevka“ wurde andernorts bisweilen auch mal als Komödie ohne Tiefsinn oder als ernstes Stück ohne Humor erzählt – hier aber halten sich nicht zuletzt dank Lukovics Spielfreudigkeit beide Seiten die Waage.
 
Was natürlich auch am Regiekonzept liegt: Arila Siegert, poetische Geschichten-Eerzählerin in der Tradition von Ruth Berghaus, hat bereits vor über einem Jahrzehnt in Eisenach eine sensationelle „Anatevka“ auf die Bühne gebracht. Am Mittelsächsischen Theater, wo es keine Tänzer gibt, sind die Bedingungen ein wenig anders, und so ist ihre neue Deutung weniger ein zweiter Aufguss als eine Paraphrase, die einige Gedanken aufnimmt und andere neu entwickelt. Grit Dora von Zeschaus genial abstrahierten Bühnenraum gibt es auch hier – Marie-Luise Strandt nutzt die einstigen Entwürfe für eine neue Ausstattung, die in den kleinen Maßen der hiesigen Bühnen noch eindringlicher wirkt.
 
Ein klarer weißer Kasten ist mal Wohnzimmer, dann wieder Wirtshaus. Die schwarzen Streifen, die an einen Gebetsschal erinnern, geben zudem Raum für allerlei Assoziationen wie Synagoge oder Klagemauer. Wenige Ausstattungsdetails wie Leuchter und Kippa genügen, um vor dem Zuschauer ein  Panoptikum jüdischen Lebens auszubreiten. Überhaupt scheint dies das Erfolgserlebnis von „Anatevka“ zu sein – in einer Zeit, in der die meisten Menschen keine Vorstellungen von den Gebräuchen dieser Religion haben und in der die ungebildete Unterschicht das Wort „Jude“ bisweilen für ein tabuisiertes Schimpfwort hält.

Über die titelgebende allegorische Figur des Fiedlers zerbrachen sich schon Heerscharen von Deutern den Kopf. In vielen Inszenierungen taucht er zumindest am Ende auf. Siegert geht noch einen Schritt weiter: Ihr Fiedler ist ständig präsent – er eröffnet, kommentiert und beschließt das Spiel. Kerstin Guzy gibt ihn als Alter Ego von Tevje. Schade nur, dass davon nicht alles zu sehen ist: John Gilmores Lichtkonzept wirkt zwar durch die Betonung des Atmosphärischen ausgesprochen poetisch, die nun aber auch in Mittelsachsen angekommene Mode der nur im Ansatz ausgeleuchteten, oft dunklen Bühne mit konsequent vermiedenem Vorderlicht lässt viele Details nur schemenhaft aufscheinen.

Unter den gut fünf Dutzend Beteiligten die Herausragenden zu würdigen, würde den Umfang jeder Rezension sprengen. Stellvertretend seien darum zwei genannt, die jeweils an ihrer Stelle die Produktion prägen. Uta Simone, einst Sängerin am Haus, sprang wenige Tage vor der Premiere für eine erkrankte Kollegin ein – ihre Geisterszene ist ein wahrer Angriff auf die Lachmuskulatur. Was aus dem Orchestergraben tönt, beweist, dass dort wahre Experten des jüdischen Klezmer sitzen – allen voran Anja Bachmann an der Klarinette.