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konzept
Premiere Döbeln, 13.05.2017

Zum Lachen und zum Weinen schön

Das jüdische Schtetl zerbricht und ein Vater ringt um seine Würde: "Anatevka" ist am Mittelsächsischen Theater spannend wie unterhaltsam und satt an Bildern.

Von Marianne Schultz, Freie Presse Chemnitz, 16.05.2017

Das Mittelsächsische Theater Freiberg-Döbeln zieht mit "Anatevka" seine größte Trumpfkarte - mit Sängern, die auch erstklassige Komödianten und Märchenerzähler sind. Das Publikum spendete zur Musical-Premiere am Sonnabend in Döbeln begeistert Beifall.

Ein regelrechter Kosmos jüdischen Denkens entsteht, entfesselt vom Milchmann Tevje, der ein guter Jude sein und darum in der Tradition seiner Väter leben will, von einem ganzen Spektrum gewitzter Frauen bis hin zum Chor. Der singt nicht nur oder schreitet und "bewegt sich", er tanzt unglaublich ausdrucksstarke Lebensbilder, webt und verdichtet eine Vorstellung davon, was einst das jüdische Schtetl Anatevka, ein Dorf in der Ukraine um 1905, ausgemacht haben könnte. Von hochzeitlicher Lebensfreude über eine handfeste Klopperei bis zum Zerrbild von Wahnvorstellungen aus dem Jenseits rund ums Ehebett ist alles dabei.

Tragischer Höhepunkt ist der Auftritt der zaristischen Staatsmacht mit dem Befehl, die Juden müssen binnen drei Tagen den Ort verlassen. Es wird gepackt. Das wenige Hab und Gut, zuvor der ganze Stolz, das ganze Begehren der Familien, werden zurückgelassen. Stühle, Eimer, Bettzeug hängen demonstrativ an der Decke. Wieder einmal heißt es Abschied nehmen, eine neue Heimat finden, wo auch immer - aber mit Gott.

Höchst raffiniert rauscht der lange Über-drei-Stunden-Abend in ästhetischen Bildern kurzweilig vorüber. Musikalisch ohnehin reichhaltig mit bekannten Zugnummern ("Wenn ich einmal reich wär"), balanciert das Stück auf dem schmalen Grat der Familiengeschichte vor dem Hintergrund einer tödlichen Vertreibung. An Dramatik ist das nicht zu überbieten.

Mit größter Sorgfalt entwickelt Arila Siegert, selbst einst eine erfolgreiche Tänzerin, das bekannte Werk des Komponisten Jerry Bock, das seit seiner Uraufführung 1964 in New York seinen Siegeszug um die Welt antrat. Banale Rührseligkeit erspart sie dem Publikum. Viel zu stark sind die Botschaften der Szenen, in denen arme, einfache Menschen um ihre Würde und Zukunft ringen, junge Frauen um ihr Lebensglück, das sie keiner Heiratsvermittlerin anvertrauen wollen. Und mittendrin wächst die Erkenntnis eines Vaters, dass die Jugend ein neues Selbstbewusstsein entwickelt und die Geschicke nicht allein Gott anvertrauen will.

Auf die Rolle des populären Milchmanns hat der Sänger Sergio Raonic Lukovic seit langem hingearbeitet, es ist eine der schönsten Rollen seines Fachs. Sängerisch prachtvoll, ist sein Tevje in jeder Hinsicht liebenswert und glaubwürdig, eine kraftvolle, bodenständige und mit Mutterwitz gesegnete Figur. Wie er seine Frau Golde (Susanne Engelhardt) mit einem Albtraum um den Finger wickelt und von der verabredeten Hochzeit mit dem Fleischer Lazar Wolf abbringt, ist inszenatorisch ein Glanzstück an diesem Haus und bringt den ganzen Saal in dieser Wunderwelt Theater zum Lachen und zum Staunen.

Doch Raonic Lukovic stemmt die Chose nicht allein, und die Stimmung könnte nicht besser sein: Das ganze Ensemble ist spitzenmäßig aufgelegt.


Publikum feiert grandiose Premiere von „Anatevka“

Ein minimalistisches Bühnenbild lässt die Facetten des Stücks erst richtig wirken. Der Einsatz des Chors ist sehr geschickt.

Von Gabi Gelbrich, Sächsische Zeitung Döbeln, 15. Mai 2017

Stumm betritt ein Zug gebeugter, koffertragender Personen die Bühne. Schritt um Schritt füllt sich langsam die weiße Wand im Hintergrund mit diesen Geschöpfen, die für den Zuschauer nur als schwarze Silhouetten sichtbar sind. Doch nur wenig später bekommen die anonymen Schattenmenschen Gesichter. Und schon ist das Publikum mitten im Geschehen. In den nächsten Stunden wird es in den Strudel des Lebens des kleinen ukrainischen Dorfs Anatevka gezogen. Im Mittelpunkt steht der Milchmann Tevje mit seiner Frau Golde und den fünf Töchtern.

Drei von ihnen werden unter die Haube gebracht. Doch keines von den Mädchen wird sich an das halten, was Vater, Mutter und die Tradition von ihnen verlangen. Am Ende kommt der Pogrom – alle müssen Anatevka innerhalb von drei Tagen mit gepackten Koffern verlassen. Dies ist kurz umrissen, der Inhalt des Musicals „Fiddler on the Roof“ von Joseph Stein, Jerry Bock und Sholdon Harnick, das, 1964 in New York uraufgeführt, zu einem der erfolgreichsten Musicals wird.

Und die Inszenierung in Döbeln? Die Premiere am Sonnabend ist ein voller Erfolg. Es stimmte einfach alles. Arila Siegert (Inszenierung und Choreografie) erzählt die Geschichte mit wunderbarer Leichtigkeit ohne an irgendeiner Stelle oberflächlich zu werden. Immer wieder taucht das starke Bild des gepackten Koffers auf.

Diese Inszenierung hat Platz zum Atmen. Marie-Luise Strandt setzt das Bühnenbild nach den Entwürfen von Grit Dora von Zeschau im Theater um: Ein weißer Raum mit schwarzen horizontalen Streifen in der Galerie – eine klare, minimalistische Formsprache, die die Gestalt eines jüdischen Gebetsschals aufgreift. Diese Bühne lässt nun dem Ensemble Platz und Raum für eine facettenreiche, hingebungsvolle Darstellung. Allen gebührt hierfür großes Lob und Hochachtung, sodass es schwerfällt, einzelne Solisten hervorzuheben. Aber die beiden Protagonisten Sergio Raonic Lukovic als Milchmann Tevje und Susanne Engelhardt als seine Frau Golde tragen in ihren Rollen glänzend mit ihrer Spielfreude durch das Musical und reißen alle anderen mit.

Ein gekonnter Schachzug der Macher des Stückes bleibt der Einsatz des Chors, der nicht nur chorsolistisch, sondern auch tänzerisch und nicht zuletzt schauspielerisch am Erfolg des Stückes einen großen Anteil hat. Das Orchester unter Leitung von Alexander Livenson ist wesentlich am Triumph beteiligt. Das Publikum ist begeistert und spendet über zehn Minuten mit Bravorufen und stehenden Ovationen Applaus. In Döbeln wird Anatevka nochmals am 21. Mai gezeigt.


Strapaze für die Lachmuskeln ohne Happy End

Geschichte vom Fiedler auf dem Dach voller Erfolg

Hagen Kunze, in: Döbelner Allg. Ztg. (LVZ), 15.05.2017

Ausverkauftes Haus sowie zehn Minuten frenetischer Beifall – von der jüngsten „Anatevka“ wird man in Döbeln noch lange reden. Weil an diesem Abend im Mittelsächsischen Theater vieles passt: ein Regieteam, das das Stück ernst nimmt, Sänger, die die Vielschichtigkeit des Werks darstellen können und Musiker, die unter der dezenten Leitung von Alexander Livenson zeigen, was sich an Tiefe hinter den einfachen Melodien verbirgt.
 
Jerry Bocks „Fiddler on the Roof“ ist erst gut ein halbes Jahrhundert alt, und doch ist das Musical, das in der deutschen Version nach dem Ort der Handlung „Anatevka“ heißt, längst ein Klassiker, obwohl es jeder Bühnenkonvention zu widersprechen scheint. Es gibt kein Happy End, die Geschichte um osteuropäische Juden, die kurz vor der russischen Revolution im Angesicht von Pogromen und  bitterer  Armut  zu überleben versuchen, schnürt einem bisweilen den Hals zu. Und dann kippt die Handlung wieder, und man lacht mit Tevje, der dem tristen Leben doch immer wieder aufs Neue mit Scharfsinn und Humor begegnet.
 
Für Sergio Raonic Lukovic ist das eine Traumrolle. Denn der Spielbariton, der im Theater oft den Komödianten gibt, darf hier auch die ernsten, düsteren Seiten Tevjes auskosten – und dann doch immer wieder dessen schier unendliche Glaubens-Gewissheit ausbreiten. Das anzusehen und anzuhören, ist allein schon den Eintritt wert. Denn „Anatevka“ wurde andernorts bisweilen auch mal als Komödie ohne Tiefsinn oder als ernstes Stück ohne Humor erzählt – hier aber halten sich nicht zuletzt dank Lukovics Spielfreudigkeit beide Seiten die Waage.
 
Was natürlich auch am Regiekonzept liegt: Arila Siegert, poetische Geschichten-Eerzählerin in der Tradition von Ruth Berghaus, hat bereits vor über einem Jahrzehnt in Eisenach eine sensationelle „Anatevka“ auf die Bühne gebracht. Am Mittelsächsischen Theater, wo es keine Tänzer gibt, sind die Bedingungen ein wenig anders, und so ist ihre neue Deutung weniger ein zweiter Aufguss als eine Paraphrase, die einige Gedanken aufnimmt und andere neu entwickelt. Grit Dora von Zeschaus genial abstrahierten Bühnenraum gibt es auch hier – Marie-Luise Strandt nutzt die einstigen Entwürfe für eine neue Ausstattung, die in den kleinen Maßen der hiesigen Bühnen noch eindringlicher wirkt.
 
Ein klarer weißer Kasten ist mal Wohnzimmer, dann wieder Wirtshaus. Die schwarzen Streifen, die an einen Gebetsschal erinnern, geben zudem Raum für allerlei Assoziationen wie Synagoge oder Klagemauer. Wenige Ausstattungsdetails wie Leuchter und Kippa genügen, um vor dem Zuschauer ein  Panoptikum jüdischen Lebens auszubreiten. Überhaupt scheint dies das Erfolgserlebnis von „Anatevka“ zu sein – in einer Zeit, in der die meisten Menschen keine Vorstellungen von den Gebräuchen dieser Religion haben und in der die ungebildete Unterschicht das Wort „Jude“ bisweilen für ein tabuisiertes Schimpfwort hält.

Über die titelgebende allegorische Figur des Fiedlers zerbrachen sich schon Heerscharen von Deutern den Kopf. In vielen Inszenierungen taucht er zumindest am Ende auf. Siegert geht noch einen Schritt weiter: Ihr Fiedler ist ständig präsent – er eröffnet, kommentiert und beschließt das Spiel. Kerstin Guzy gibt ihn als Alter Ego von Tevje. Schade nur, dass davon nicht alles zu sehen ist: John Gilmores Lichtkonzept wirkt zwar durch die Betonung des Atmosphärischen ausgesprochen poetisch, die nun aber auch in Mittelsachsen angekommene Mode der nur im Ansatz ausgeleuchteten, oft dunklen Bühne mit konsequent vermiedenem Vorderlicht lässt viele Details nur schemenhaft aufscheinen.

Unter den gut fünf Dutzend Beteiligten die Herausragenden zu würdigen, würde den Umfang jeder Rezension sprengen. Stellvertretend seien darum zwei genannt, die jeweils an ihrer Stelle die Produktion prägen. Uta Simone, einst Sängerin am Haus, sprang wenige Tage vor der Premiere für eine erkrankte Kollegin ein – ihre Geisterszene ist ein wahrer Angriff auf die Lachmuskulatur. Was aus dem Orchestergraben tönt, beweist, dass dort wahre Experten des jüdischen Klezmer sitzen – allen voran Anja Bachmann an der Klarinette.


Premiere Freiberg 27.05.2017

Reichtum ohne Geld

Als lebendige Geschichte mit berührenden Figuren ist „Anatevka“ in Mittelsachsen ein Plädoyer für die Liebe

Von Jens Daniel Schubert, Sächsische Zeitung Dresden, 30.05.2017

Man hat’s nicht leicht mit fünf Töchtern, die ihren eigenen Kopf haben, und wenn das Geld hinten und vorne nicht reicht. Davon kann er ein Lied singen, Tevje, der Milchmann aus „Anatevka“. Das Stück ist ein Hit. Seit der Uraufführung am Broadway 1964, seit Felsensteins viel beachteter DDR-Erstaufführung 1971 bis heute, wo es in Mittelsachsen gefeiert wird. Am Wochenende war Premiere in Freiberg, in Döbeln kam es am 13. Mai auf die Bühne.

In einem ostjüdischen Schtetl wie Anatevka versucht ein jeder, seine Lebensmelodie so gut wie möglich zu spielen. Ein wenig wie ein Fiedler auf dem Dach, den Chagall gemalt hat und dem das Musical ein Denkmal setzt. Das Thema des Stückes, das Regisseurin Arila Siegert herausarbeitet, ist die Liebe. Dabei führt sie die Darsteller genau und ernsthaft, sodass jeder mit seinen Mitteln glaubhaft die Geschichte seiner Figur erzählen kann. Ob Barbora Fritscher, Leonora del Rio und Lindsay Funchal als heiratsfähige Töchter, Jens Winkelmann, Elias Han oder Derek Rue als deren Geliebte, Rita Zaworka als Heiratsvermittlerin oder Guido Kunze als heiratswilliger Fleischer. Bis in die kleinsten Rollen, die vom Chor mit großem Einsatz gespielt wurden, bleibt sie in den Beziehungen nachvollziehbar, die Bewegungen überhöht sie gerne mit choreografischen Mitteln. So verhindert sie geschickt übereifriges Chargieren. Es entstehen Typen, kauzig, skurril, überzogen, die dennoch menschlich nachvollziehbar bleiben und die Zuschauer berühren. Ganz ohne Ballett ist vom erweiterten Chor und den Solisten viel mitreißender Tanz zu sehen, die Übergänge sind fließend, wie auch vom Dialog zum Gesang. Der ist ganz unterschiedlich, mal mehr angedeutet, mal opernhaft vollklingend, nicht immer erwartungsgerecht, aber glaubhaft Ausdruck der jeweiligen Figur.

Susanne Engelhardt ist eine besondere Mutter Golde und Sergio Raonic Lukovic ein facettenreicher Tevje, schlitzohrig, hintersinnig, polterig und dann doch ganz zärtlich: „Ist es Liebe?“ Arila Siegert führt den Fiedler als Figur durch die Szenen. Die Ausstattung von Marie-Luise Strandt, unter Verwendung von Bühnenbild-Entwürfen von Grit Dora von Zeschau, ist einfach. In den Kostümen bleibt sie erwartungsgerecht im historischen Kontext. Das Bild ist von eindrucksvoller Schlichtheit. Ein gleichbleibender Raum mit Gebetsschal-Optik, dessen Rückwand zur Klagemauer wird, einzelne Möbel, Tücher, immer wieder die Pappkoffer … Ohne Zeigefinger spielt das Stück auch die leidvolle Geschichte der Juden im 20. Jahrhundert mit. Die politische Dimension, Pogrom und Vertreibung, ist da, anrührend wird sie im Schicksal der Betroffenen. Musikalisch hat Alexander Livenson den Abend gut im Griff, das Orchester klingt farbenreich, erzeugt Stimmung und Sentiment, trägt die Sänger und den Chor, nimmt sich zurück und verhindert so unnötige stimmliche Schärfen. Das Publikum ist begeistert.


Wenn drei Stunden wie im Flug vergehen

„Anatevka“ in der Inszenierung von Arila Siegert begeistert in Freiberg

Boris Gruhl, in: Dresdner Neueste Nachrichten, 02.06.2017

Es sei eines der schönsten und menschlich bewegendsten Werke des jüdischen Theaters, hieß es in der Zeitschrift „Theater heute“ nach der New Yorker Uraufführung 1964 am Broadway. Es geht um das Musical „Fiddler on the Roof“ (Der Fiedler auf dem Dach) von Joseph Stein mit der Musik von Jerry Bock, Gesangstexten von Sheldon Harnick, nach den Geschichten von Tevje dem Milchmann aus der Sammlung von Scholem Aljechem, der hier eigene Erfahrungen in der von Pogromen bedrohten Welt des jüdischen Schtetl in vorrevolutionären Zeiten des russischen Zarenreiches verarbeitet. Sein fiktives Schtetl heißt „Anatevka“.

Unter diesem Titel fand 1968 die deutsche Erstaufführung in Hamburg statt, Walter Felsenstein ging bei seiner Erstaufführung für die DDR 1971 an der Komischen Oper wieder auf den Originaltitel zurück, der sich auf das mehrfach wiederkehrende Motiv des Fiedlers mit der roten Kippa in Gemälden von Marc Chagall bezieht. Dieser Fiedler mit seinen traurigen, aber auch tröstenden und vorantreibenden Melodien schwebt wie ein beglei- tender Schutzengel über den Menschen auf ihren unfreiwilligen Fluchtwanderungen, wenn sie wieder einmal ein Schtetl verlassen müssen und sich auf den Weg in eine ungewisse Zukunft begeben.

Mit ihrer choreografisch grundierten Inszenierung von „Anatevka“ am Mittelsächsischen Theater Freiberg-Döbeln ist Arila Siegert ein wahrhaft großer Theaterabend gelungen. Im Bühnenbild nach den Entwürfen von Grit Dora von Zeschau umgrenzt ein jüdischer Gebetsschal die sonst weitgehend leere Bühne. Szenenwechsel gehen choreografisch vonstatten.

Mit einem starken Bild beginnt die Aufführung. Da sind sie angekommen in den von Marie-Luise Strandt gestalteten Kostümen aus Armut und Würde, mit ihren Koffern und Habseligkeiten: Sergio Raonic Lucovic als Tevje der Milchmann, Susanne Engelhardt als seine Frau Golde, die fünf Töchter (Barbora Fritscher, Leonora del Rio, Lindsay Funchal, Hanne Hünken und Julia Kämmerer), Rita Zaworka als so gewitzte wie skurrile Heiratsvermittlerin, Stefan Burmester als Rabbi. Da ist Jens Winkelmann als armer, schüchterner und grundsympathischer Schneider und Elias Gyungseok Han der von revolutionären Ideen angetriebene Student aus Kiew auf dem Weg zur Verbesserung der Welt, der ihn aber ins Lager nach Sibirien führen wird. Guido Kunze ist der verwitwete Fleischer auf Brautschau und Jaromir Sedlmajer der unverzichtbare Gastwirt. Zunächst, als stünden sie an der Klagemauer in Jerusalem, geben sie ihren Hoffnungen im Gebetsritual Ausdruck, um dann eben jene Grundlagen ihres unsteten Daseins zu besingen, „Tradition“. Wie widersprüchlich aber das Beharren darauf sein kann, wie schmerzhaft, wenn aus Traditionen Dogmen werden, wenn der Buchstabe das Herz besiegt, das wird Tevje der Milchmann, armer Schlucker und Lebenskünstler, herzensgut und doch auch gefangen in seinen Lebens- und Glaubensmaximen, erfahren müssen.

Das Leben aus den Koffern und darauf beginnt, für die Feier des heiligen Sabbat wird ein weißes Tuch über die Koffer gebreitet, um dann die sieben Kerzen zu entzünden, das ungesäuerte Brot zu teilen und den Gast willkommen zu heißen.

Mit großer Genauigkeit und sensibler Achtung hat Arila Siegert immer wieder diese Details inszeniert und dennoch darüber den Blick für das unaufhaltsame Voranschreiten dieser Geschichten um Tevje und seine heiratsfähigen Töchter nicht aus den Augen verloren. Siegert maßt sich in keinem Moment an, klüger zu sein als das Stück. Interpretationen, aktuelle Bezüge im Hinblick auf deutsche Geschichte, auf Erfahrungen von Flucht, Ausgrenzung und Verfolgung traut sie der Klugheit des Publikums zu. Aber sie weiß um die Kraft der kleinen Geste, sie hat den Blick für das große Bild, wann trubelnde tänzerische Bewegung angesagt ist, aber eben auch, wann es der Stille bedarf, der kleinen Regungen, die von so großer Wirkung sein können. Hervorragend sind die Dialoge gearbeitet, die Musik kann inne halten, kann überschäumend vorantreiben und dann auch wieder jene Doppelbödigkeit dieses mitunter ja auch sehr witzigen Stückes zum Klingen bringen.

Walter Felsenstein hatte den Begriff der Chorsolisten geprägt. Was er damit meinte, erlebt man in der Freiberger Aufführung. Zum Spiel kommt die musikalische Seite, bestens einstudiert durch Tobias Horschke und Peter Kubisch agieren und singen und tanzen bei beachtlichem Einsatz die Mit- glieder des verstärkten Chores.

Mit Sergio Raonic Lucovic gibt es einen Tevje, der verschmitzt sein kann und dem spätestens bei seinem Lied, „Wenn ich ein- mal reich wär’...“ die Herzen zufliegen. Er hat aber auch die gebrochenen Töne, wenn er die Welt, geschweige denn seinen Gott, nicht mehr versteht. Immer findet er jedoch eine Möglichkeit, und sei es ein erfundener Alptraum, ein eigenwillig verändertes Bibelzitat, um den geliebten Töchtern ihr Glück zu ermöglichen. Er kann damit leben, dass seine Zeitel mit ihrem Schneider arm sein wird, aber glücklich.

Er kann sogar zustimmen, dass seine Hodel sich zu ihrem Perchik, dem Revolutionär, auf den Weg nach Sibirien macht, was er mit dem bitter-ironischen Witz kommentiert, dass es ja ganz sicher auch Rabbis in den Lagern gebe. Er weiß, dass wenn man gegen das Pogrom der Russen „aufstehen und sich Auge um Auge, Zahn um Zahn verteidigen würde, die ganze Welt bald blind und ohne Zähne wäre.“ Tragischweise aber kann er sich nicht überwinden, wenn seine Tochter Chava dem jungen sympathischen Russen, wie ihn in bezaubernder Bescheidenheit Derek Rue spielt und singt, folgt und sich von einem Priester trauen lässt.

Zum Spiel treffen alle Darstellerinnen und Darsteller auch in ihrem Gesang die für diese Geschichte wegen ihrer Glaub- würdigkeit die einst von Brecht geforderten Töne der Wahrheit, kein Platz für falsch verstandenes Opernpathos. Und mit dem Dirigenten Alexander Livenson treffen wiederum die Musiker der Mittelsächsischen Philharmonie wunderbar den Stil des Broadwaysounds der sechziger Jahre.

Wenn Anatevkas Traum zu Ende ist, wenn der Gebetsschal beschmutzt und entwürdigt ist und alle sich wieder mit ihren kleinen Habseligkeiten aufmachen, wenn aus den Rucksäcken der Kinder die Teddys und Püppchen heraussehen, dann führt der Bettler den Zug an und die Geigerin Kerstin Guzy, die als Fiedler immer dabei war und für die unvermeidlichen Momente des Innehaltens in diesem bewegenden Stück sorgte, beschließt ihn. Also doch kein Totentanz?

 


Applaus, Applaus, Applaus

"Anatevka" hat das Publikum begeistert, zum Lachen gebracht, zu Tränen gerührt. Und für Gesprächsstoff gesorgt.

Angelika Neumann, in: Freie Presse Freiberg, 30.05.2017

Der Beifall wollte nicht enden, das Ensemble wogte auf der Bühne Hand in Hand, laut und überglücklich. Es gab Rosen für die Musiker im Orchestergraben. Regisseurin Arila Siegert bewarf die Sänger und Tänzer eine Etage höher übermütig mit einem mächtigen Strauß dieser Blumen. Das Musical "Anatevka" war ein Riesenerfolg. Es zog das Publikum drei Stunden lang in seinen Bann. Die Leute lachten, schmunzelten und litten mit den jüdischen Bewohnern des kleinen ukranischen Dorfes - mit Milchmann Tevje, seiner Frau, seinen Töchtern und ihren Freunden, die weit ab vom Geschehen in der Welt ein einfaches Leben mit humorvoller und liebenswerter Volksschläue und Schlitzohrigkeit, Klatsch und Tratsch, einer Heiratsvermittlerin und viel Tradition führen. Bis es Brüche und ein bitteres Ende gibt…

Letzteres der Grund dafür, dass sich mancher Besucher trotz des Jubels zum Finale auf dem Weg zur obligatorischen Premierenfeier in die Theaterbar noch still die Tränen aus dem Gesicht wischte. Doch keine Angst, die Feier wurde lustig und beschwingt. Bei einem Glas Wein, etwas Stärkendem auf dem Teller, Gesprächen und Klezmermusik ließen Künstler und Zuschauer gemeinsam den Abend ausklingen und all das sacken, was die einen kurz zuvor auf und die anderen vor der Bühne berührte. Immer wieder wurde geklatscht, wenn einer der Künstler frisch umgezogen zum Feiervolk stieß. "Herzlichen Glückwunsch, es war toll", reichte Barbara Spohrer spontan ein Kompliment an Sängerin Leonora del Rio weiter, die Tevjes Tochter Hodel spielt und sich gerade am Nachbartisch niederließ.

"Ich weiß nicht, ob ich in Freiberg schon jemals so einen Applaus gehört habe", so Spohrer, promovierte Apothekerin und begeisterte Theatergängerin, die vor Jahren des Berufes wegen aus dem Taunus nach Freiberg kam. "Eine fantastische Aufführung." Sichtlich bewegt zeigte sich auch Arnold Beck, der Vorsitzende des Theaterfördervereins. "Es war ein unglaublich emotionaler Abend mit unglaublichen Bildern und Eindrücken", fasste der Professor das Gehörte und Gesehene zusammen. "Es ist ein Stück zwischen ausgelassener Heiterkeit und tief empfundenem Leid, auch weil politische Spannungen darin stecken. Arila Siegert ließ großen Ideenreichtum einfließen."

Mit Freundin Elisabeth genoss René Jungnickel den Premierenabend. "Ich bin kein Theaterkenner, aber total begeistert von der Aufführung", schwärmte der junge Fotograf. "Den Sergio (Sergio Raonic Lucovic als Milchmann Tevje - die Red.) kenne ich schon länger, dem ist die Rolle auf den Leib geschrieben. Das Stück ist so wahnsinnig zeitaktuell und nicht mit dem Zeigefinger rübergebracht, total gelungen." Eine, die er an diesem Abend aus familiärem Anlass besonders intensiv im Blick hatte, war Kerstin Guzy, die Mutter seiner Freundin. Sie spielt den Fiedler auf dem Dach, der wie aus einer anderen Welt erschien und doch immer gegenwärtig war, zart und leicht wie ein Geist. Für die Geigerin, die sonst mit im Orchestergraben sitzt, bedeutet ihr Auftritt auf der großen Bühne eine total neue Erfahrung, die viel Spaß macht. Sie spielte am Premierenabend gleich noch einmal auf, nämlich in der Gruppe Harts un Neschome, die mit flotten Klezmerrhythmen für Stimmung sorgte. Sie jetzt im Sommerkleid statt im Anzug.

Fröhlich und herzlich wie in einer großen Familie feierten Künstler und Besucher das Ereignis "Anatevka". Barbetreiberin Anette Haber frischte mit Kindern der Künstler zu vorgerückter Stunde ihre Tanzkünste auf, und die Grandes Dames des Freiberger Theaters, Ines Kramer und Rita Zaworka, saßen schwatzend auf einer Bank. Intendant Ralf-Peter Schulze flocht in den Abend ein dickes Lob an Künstler und Mitarbeiter ein: "Glückwunsch für eine ausgesprochen gute Premiere, das habt ihr großartig gemacht." Im Vorfeld hatte er davon gesprochen, dass sich das Mittelsächsische Theater im Genre Musical an "Anatevka" wagt und mit dieser berührenden Geschichte die Herzen der Besucher erreichen will. Das Wagnis gelang und berührte. Es war an diesem heißen Wochenende vielerorts Gesprächsstoff in Freiberg.