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konzept

Verführung der Verführer

Flirrend und fragend: Mozarts „Così fan tutte“ feierte Premiere in Schloss Rheinsberg. Als Oper der Jugend mit jungen Sängerinnen und Sängern.

Isabel Herzfeld, in: Tagesspiegel / Potsdamer Neueste Nachrichten 22.07.2018 (Premiere 1)

Was kann an einem solchen Abend schon schiefgehen? Intendant Frank Matthus braucht sie gar nicht zu beschwören, die zauberhafte Kulisse von Schloss Rheinsberg, die in der Abendsonne schwirrenden Schwalben, den Sonnenuntergang hinter sanften Wolkenschleiern, der zu den Liebesschwüren von Fiordiligi und Ferrando den ausgebufftesten Beleuchtungsmeister in Verlegenheit zu bringen vermag. „Soave sia il vento“ – günstige Winde sind ihnen gewiss, den Liebenden in allen denkbaren Konstellationen.

Regisseurin Arila Siegert lässt die sechs Protagonisten auf Moritz Nitzsches schräg zum See abfallender Bühne ein tänzerisch leichtes Bäumchen-wechsel-dich-Spiel veranstalten, ergänzt durch die Chorsolisten, die zugleich die Zweitbesetzung bilden, schon hier ein Bild des ewigen Wechsels, des Täuschungsmanövers. Siegert erwarb ihre frühen Meriten im Tanz, und so ist diese „Così“ auch ein Zusammenspiel geschmeidiger Bewegungen, ästhetischer Körperbilder, wie improvisiert verspielten Herumtändelns mit Schleiern, Blumenkränzen, Florett-Degen. Als probierte man sich aus, in der Opernschule – oder in der „Schule der Liebenden“. Im letzten Jahr gab's zum Sommer "Carmen" in der Kammeroper in Rheinsberg.

Mozarts „Cosi fan tutte“ ist eine Oper der Jugend, wie gemacht für die Sängerinnen und Sänger der Rheinsberger Kammeroper. Sie müssen kaum aus ihrer Persönlichkeit heraus- und in die Rolle schlüpfen; sie sind einfach junge Leute von heute, aus einer ohne Frage saturierten Gesellschaftsschicht, sorglos, gewitzt und sehr selbstsicher. Der hochgewachsene, blonde Guglielmo, den Yannick Debus mit unangreifbar sonorem Bariton ausstattet, der Latin Lover Ferrando mit Schnurrbärtchen (Jaeil Kim mit facettenreichem „spinto“-Tenor), wie sie da sitzen und über „Frauen“ schwatzen, könnte das auch in einem x-beliebigen Café um die Ecke sein.

Jung ist auch Don Alfonso (Guillem Batllori Pagès), kein vom Leben enttäuschter Zyniker, eher ein theoretisierender Besserwisser in schwarzem Hut und Mantel (Kostüme ebenfalls von Nitsche): „Einfach so“, wohl aus Mangel an eigener Praxis, organisiert er das Experiment, die Treue der Partnerinnen seiner Freunde auf die Probe zu stellen. Despina, sein Gegenstück, bemüht sich gar nicht erst, diesen Unsinn zu durchschauen, – sie tut alles, wofür sie bezahlt wird. Georgia Tryfona gibt sie mit kräftigem Sopran als hart arbeitende Frau, die die Luxusprobleme ihrer Herrschaft mit Kopfschütteln betrachtet.

Denn Gefühle muss man sich leisten können. Und das können Fiordiligi und Dorabella, zwei Tussis wie aus dem Modemagazin. Sie aalen sich am Strand, und wenn sie hohe Spitzentöne singen, halten sie sich die Nase zu und tauchen in ein Wellengewirr aus Schleiertüchern.

Das Kammerorchester Potsdam wird von Ivo Hentschel zur Präzision angefeuert.
Cathy-Di Zhangs schlanker Sopran erklimmt ebenso mühelos höchste Höhen wie später tiefste Tiefen und zeigt dabei einen leichten, hier sehr passenden Hang zum Überdramatischen; schön harmoniert dazu der kernigere, mattschimmernde Mezzo der Joanna Talarkiewicz.

Zu all dieser sängerischen Beweglichkeit, Spritzigkeit passt das von Ivo Hentschel zu gut gelaunter Präzision angefeuerte Kammerorchester Potsdam aufs Beste, ist niemals um virtuoseste Klarinetten- oder Flötenläufe auf duftigem Streicherteppich verlegen und arbeitet doch deutlich die nachdenklichen, lyrischen, zärtlichen Klänge Mozarts heraus, die diese flirrende Leichtigkeit durchbrechen und hinterfragen.

So weit die leichte Sommerkomödie um Partnertausch und Gefühlsverwirrung, aus der man zum Schluss zur Vernunft und zur alten Ordnung zurückkehrt, nicht ohne begehrliche Blicke auf die andere Seite zu werfen. Sie treibt komödiantische Blüten, wenn die Liebhaber mit vertauschten Perücken im beklecksten Urlaubsdress „Herzöge aus Albanien“ spielen, sich im Werben um die jeweils andere Verlobte im Liebes- und später im Gift-Delirium winden. Despina läuft als Arzt Dr. Mesmer mit zitterndem Magneten zu Fagott-Trillern und später als ehestiftender Notar zu großer Form auf. Da wiehert das Publikum vor Vergnügen.

Sänger, Musiker, Publikum - Spaß haben alle bei dieser "Così"

Guglielmo und Dorabella tauschen Herzchen gegen Fotos. Das zarte Taubengegirre des „falschen“ Liebespaares wird überhöht von der echten Leidenschaft zwischen Fiordiligi und Ferrando – Kim höchst glaubhaft mit dem berühmten „Odem der Liebe“, Zhang mit fast furchterregendem Ernst im „Per pietà, ben mio“, eingeschnürt in den von ihren beiden Liebhabern gehaltenen schwarzen Schleier.

Doch passt die Doppelmoral von den Treue erprobenden Männern und den der Verführung erliegenden Frauen noch in unsere Zeit? So machen es eben alle, offen polygam die einen, hinterhältig treulos die anderen? Sollten da Fiordiligi und Dorabella nicht eher sagen „#MeToo“? Arila Siegert hält nichts von Opferrollen, lässt die Frauen das Komplott hinter den Schlosskolonaden belauschen. Der Spieß wird fortan umgedreht, Verführung der Verführer betrieben. „Welchen willst du? Ich nehme den Braunen, du den Blonden“ ist da eine fast schon müßige Frage. „Wir werden mächtig Spaß haben“ dagegen keine, denn den haben zweifellos Sänger, Musiker und Publikum – und dazu gehört auch, dass hinterher nichts mehr so ist, wie es vorher war, auf dem Weg zur Aufrichtigkeit der Gefühle.


Ein Theaterspiel von Schein und Sein

Wolfgang Amadeus Mozarts »Così fan tutte« an der Kammeroper Schloss Rheinsberg

Irene Constantin, in: ND 24.07.2018 (Premiere 2)

Ein anmutiges Schloss, die Schatten alter Bäume, Kaffee und Stachelbeerbaisertorte, der See mit mild verschleierter Abendsonne darüber: Der Mensch nimmt sich eine Auszeit, wenn er ins brandenburgische Rheinsberg kommt. Will er an diesem Ort ausgerechnet Mozarts Oper »Così fan tutte« erleben, füllt sich diese Zeit zugleich mit Wesentlichem. Man kommt zum Nachsinnen über die Leichtigkeit und Schwere der Liebe. Musik und Spiel führen mit leichter Hand dorthin.

Der Sommer ist Opernzeit in Rheinsberg; gerade läuft »Così«, im August kommt der »Freischütz«. Für die Mozart-Oper hat die Leitung des Kammeropernfestivals mit dem musikalischen Leiter Ivo Hentschel, der Kammerakademie Potsdam und der Regisseurin Arila Siegert ein wahrlich luxuriöses Team für die Arbeit mit ihren jungen Sängern aufgeboten. Die gesamte Produktion sprühte vor Ideen, von der Regiekonzeption bis zum Bläsersatz im Orchester.

Mozarts Librettist Lorenzo da Ponte konstruierte ein Spiel mit sechs Personen in strenger Symmetrie - zwei Paare, die Frauen Schwestern, die Männer Freunde, dazu Hausfreund, Skeptiker und Philosoph, und energiegeladene Kammerzofe. Dazu hat ein kleiner Chor drei kurze Auftritte. In Rheinsberg ließ die Regisseurin zwölf Personen auf der Bühne agieren. Doppelte Besetzung; heute Abend steht die eine Sechsergruppe im Licht solistischen Ruhms, morgen Abend die andere. Die übrigen Sechs sind jeweils Chor.

Der hat aber weit mehr als drei kurze Gesangsnummern zu absolvieren. Siegert macht ihn zu dienstbaren Geistern, lässt ihn die See bewegen, ein Boot rudern, Seelen anfechten, Seelen spiegeln. Die Herkunft der Opernregisseurin aus Tanz und Choreografie ist unübersehbar. Tanzen lässt sie alle, das ganze Stück gerät alsbald ins Schwingen. So federleicht wie die Kleider und Schleier der Darsteller sind die Tücher und Türrahmen von Moritz Nitsche, welche die Säulenkolonaden im Rheinsberger Schlosshof als Bühnenbild ergänzen. Grob und schwer waren nur die Soldatenmäntel, kalkulierter Einbruch in die Sommerabendleichtigkeit.

Bekanntermaßen erproben die Männer in der Liebesgeometrie dieser Oper auf durchaus infame Weise die Treue ihrer Verlobten. Ob dies eine harmlose Verwechslungskomödie, eine nur wenig abgemilderte Variante der bösartigen »Gefährlichen Liebschaften« oder eine heitere jugendliche Amoure ist, weiß der Theatergott allein. Regisseure müssen sich entscheiden und auf Mozart hören. Allein, auch der lässt alles in ständigem Schwebezustand; über die Doppeldeutigkeit der Tenorarie »Un’aura amorosa« gibt es ganze Abhandlungen. Arila Siegert entschied sich, das doppelte Spiel einfach mitzuspielen. Mal ging Liebesleid unter die Haut, mal Ironie ans Zwerchfell. Spielmeister war immer der Komponist.

Am Ende erlebt das Publikum Transzendenz: Wir sind hier zwölf junge Sänger, wir spielen ein Theaterspiel von Schein und Sein, wir haben uns befreundet, vielleicht verliebt, keiner ist, was er spielt und was er heute spielt, ist morgen ein anderer. Ihr Zuschauer, denkt doch was ihr wollt. Wir singen und fliegen ein bisschen dabei. Geniale Idee von Arila Siegert: alle traten barfuß auf. Wie viel Freiheit ein paar nackte Füße vermittelten, ist unglaublich.

Ich hörte Eyrún Unnarsdóttir als eine koloratursichere und erstaunlich ausdrucksreife Fiordiligi, Cecilia Gaetani, Dorabella, hat eine wunderschöne substanzreiche Mezzo-Stimme, Andrey Yurkovskiy war ein leichter geschmeidiger Guglielmo und Ferrando gab es doppelt. Wegen Indisposition trat Kai Kluge nur auf und sang einige Rezitative; vielversprechend. Aus dem Graben der Schmelz von Stevan Karanac, leichte, wohllautende Mozartstimme mit wunderbarer Fähigkeit zum beseelten Piano. Anika Paulick war ein vorzügliche Despina, wandlungsfähig, witzig, stimmlich intensiv; Don Alfonso, Denis Denisov, schöner tiefer Bariton, schauspielbegabt, erfreulicherweise nicht zum »alten Philosophen« gezwungen.

Die Kammerakademie Potsdam musizierte auf historischen Instrumenten und damit so durchsichtig, so mannigfaltig und jeder Musiknummer ihren ganz eigenen klanglichen Charakter verleihend, dass man wieder einmal über die Emotionsdichte der »Così« nur staunen konnte. Ivo Hentschel am Pult hat genau diese Differenziertheit herausgearbeitet, unaufdringlich, aber genau. Man muss einfach nur dankbar für diese Arbeit sein.




OPER!Das Magazin

Kurz-Kritik zur Aufführung 14.07.2018 auf facebook

Auch anderswo ist Festival: Auf zur Kammeroper Schloss Rheinsberg! Wir sehen Arila Siegerts duftig-leichte Version von "Così fan tutte" für die Kammeroper in harmonischem Bühnen- wie Amphitheater-Setting vor himmlischer Kulisse samt See-und Waldblick.

Ein jugendlich-frischer Cast mit gleich 12 Akteuren kommt bar- wie leichtfüssig daher. Gesanglich durchaus mit Stärken, gestützt durch Ivo Hentschels genussbringendes Dirigat der Kammerakademie Potsdam.

Lesen Sie mehr in der nächsten Ausgabe von Oper!

 

Rollenspiele
im Brandenburgischen

Unter neuer Leitung geht die Kammeroper Schloss Rheinsberg in eine noch ungewisse Zukunft. Doch vorher versprühte sie mit Così fan tutte noch mächtig jugendlichen Stimmencharme.

Von Beata Arnold / "Oper das Magazin", Sept.2018, S.55 
(Aufführung am 14.07.2018)

... Nach seinem vierten Festivalsommer scheidet (...) Matthus junior aus dem Amt. Mit Così fan tutte, Freischütz und A Bad Man`s Life sagt er Adieu als künstlerischer Kopf. Noch hat er aber die Zügel in der Hand und heute einen Sonnenschirm dazu: Denn die historischen Instrumente leiden! Die Abendsonne brennt in größter Sommerfreundlichkeit auf den mit Così fan tutte zu bespielenden Schlosshof.

Das Orchester sitzt sonnenbebrillt vor einem improvisierten Lichtschutzwall, die kostbaren Instrumente beschirmt von hinzu gestellten Schattenspendern. Moritz Nitzsche hat die Bühne inmitten der Schlosskolonnaden hochgezogen, mit freiem Blick vom Amphitheatersitz auf die Natur-Kulisse. Eingerahmt sind so Garten, See und Wald, der Zug der Himmelskörper samt fröhlich zwitschernder Schwalben. Helle mobile Requisiten und die weißen Säulen des Kolonnadengangs, die mal als Stolperfalle, Stütze oder gar Versteck dienen – diese Leichtigkeit passt zu Mozarts überirdischer Heiterkeit, die die Irrungen und Wirrungen der Menschenwege mit ihren kleinen Sünden und Genussfreuden musikalisch umkleidet.

Dank Ivo Hentschels feinsinnigem Dirigat erleben wir herrliche Bläser und subtilsten Strich der Kammerakademie Potsdam, der unsere eigenen Saiten nachhaltig in Schwingung versetzt. Beim zauberischen „Soave sia il vento“ fallen wir verzückt wie aus Raum und Zeit. Jugendliche Frische in naturverbundener Harmonie ist eine Vision der Regisseurin Arila Siegert. Vom Tanztheater kommend, lässt sie die Sänger bar- wie leichtfüßig in duftigen Kleidchen im Freiluft-Rokokoambiete lustwandeln, umweht von Schleiern, umgarnt von Blumenranken, die Häupter bekränzt, kokett mit Degen posierend. Aus zarten Stoffbahnen, floralen Girlanden, wogenden Menschenleibern erschafft sie etwa eine Gondel im Lebensfluss, die ob des Intrigenspiels zerbirst.

Zuweilen stehen zwölf Akteure auf der Bühne, denn Doppelbesetzung ist Vorgabe. Die Idee des Wechsels zwischen Solisten-Sextett und Chor, der anderntags die Soli übernimmt, passt zur Komödie mit Rollentausch. Es soll das Einstehen und Füreinanderdasein geübt werden, in dem es keine Über- oder Unterordnung gibt und keine Erst- oder Zweitbesetzung, die der anderen den Rang abläuft. Ein wenig konstruiert die Harmonie, denn deutlich herauszuhören ist etwa Cathy Di Zhangs klarer Sopran auch aus der Verbannung in die hintere Reihe. Sie ist wahrlich kein Chormädchen.

Lieben wir Fiordiligi als dramatischen Koloratursopran, erleben wir mit Eyrún Unnarsdóttir eine spröde wirkende Version in kräftigem und wenig graziösem Vortrag. Das mag auch am Regieeinfall liegen, die Frauen zu emanzipieren, die Opferrolle zu verlassen. Sie werden nämlich nicht verführt und vorgeführt, haben sie doch die Wette Don Alfonsos und ihrer Verlobten Ferrando (Kai Kluge) und Guglielmo (Andrey Yurkovskiy) zur Probe ihrer Treue erkannt – und drehen den Spieß selbstbewusst um. Schön im Duett mit Dorabella (Cecilia Gaetani) bei „Prenderò quel brunettino“ herausgearbeitet.

Im Lichte des Librettos wirkt Fiordiligis Seelenqual in „Come scoglio“ dann aber doch irritierend. Wenn schon die Retourkutsche fahren, dann konsequent. Stark und für alle gewinnbringend: die mozartschen Ensembles mit Raum für Individualstrahlkraft. Kluge und Yurkovskiy profitieren davon in den Duetten. Agil, fesch, stimmlich überzeugend in Doktoren- wie Notarsornat die Despina von Anika Paulick. Don Alfonso singt Denis Denisovs mit berührendem Bariton – ihm würde mehr Raum gebühren.


So war die Kammeroper-Premiere von
„Così fan tutte“

Gerald Felber, in: Märkische Allgemeine, 25.07.2018 (Premiere 1)

Rheinsberg. Mozarts „Cosi fan tutte“ ist die Freiluft-Oper schlechthin: Angesiedelt in Neapel unter wolkenlosem Himmel und mit einer Handlung, die zwischen Kaffeehaus-Terrassen, Gärten und Meeresufer kaum Innenräume braucht. Wenn dann, wie zur Rheinsberger Kammeropern-Premiere am Freitag, tatsächlich Gewölk über die Szene zieht, sind das beste Voraussetzungen, um mit wenig Aufwand viel Atmosphäre zu schaffen.

Moritz Nitsche, der die Ausstattung verantwortete, hat sich daran gehalten: sommerliche Kostüme, wenige weiße, leicht bewegliche Requisiten und als wichtigstes Element die Kolonnaden des Schlosshofs. Zwischen denen ist das Bühnenpodest hochgezogen worden: Manchmal dienen sie als Versteck, manchmal sind sie Stütze in Minuten der Verzweiflung – und immer einhegender Rahmen für Fernträume, die hinübergehen zum anderen Seeufer und weiter.

Auch in Arila Siegerts Inszenierung sind die besten Momente jene, wo die Regisseurin nicht am zusammengepuzzelten Detail klebt und klimmt. Sondern jene, wenn sie die Fantasie freilässt und die Tanzerfahrung ihres früheren Lebens nutzt, um die Sielräume mit Choreographien zu füllen, die federleicht und dennoch oft tief melancholisch sind – wie bei den „Fêtes galantes“ à la Watteau, die einst auch im Rheinsberger Schloss eine Heimstatt hatten. Der schönste Einfall dieser Art war vielleicht eine nur aus Menschenleibern, Blumenketten und Tüchern geformte Liebesbarke, die dann freilich hart auf Grund läuft und damit schon die seelischen Abstürze der folgenden Doppelverführung andeutet.

So weit, so schön. Doch ganz einfach machen es einem Mozart und sein Librettist da Ponte dann eben doch nicht: Zum Beispiel mit einer gewissen Redseligkeit im Entwickeln der an äußerer – nicht innerer! – Dramatik ja gar nicht besonders reichen Handlung. Arila Siegert und ihr Team haben denn auch beherzt gekürzt, was einem nun wieder um jeden verlorenen Meistertakt leidtun könnte, aber in diesem Falle klar fokussiert war: Hin zur Aufwertung der beiden Schwestern, weg von der bloßen Opferrolle einer ebenso leichtsinnigen wie sexuell gefräßigen Männerwelt zur emanzipierten Mitgestaltung des erotischen Vierer-Experiments. Die Grundthese dafür ist, dass die Frauen von Anfang an sehr wohl wissen, wer hinter den exotischen Gästen steckt, die sich erbötig machen, ihnen die Zeit ohne ihre Verlobten angenehm abzukürzen: nämlich diese selbst.

Vordergründig tragen den Schaden dieses Konzeptes erst einmal der zynische Pseudo-Aufklärer Alfonso (Guillem Batllori Pagès) und seine Companera Despina (Georgia Tryfona), die nun als Intrigen-Maschinisten eigentlich nicht mehr nötig sind und – auch per Kostüm etwas graumäusig in die zweite Reihe geschickt – kaum Chancen hatten, sich als Charaktere zu entfalten. Doch auch im engeren Kreis des doppelten Partnertauschs stiftete Siegerts steile Megathese eher Wirrnis als Segen: denn wenn schon in der direkten Kommunikation jeder jeden anlügt – das soll's ja geben – wird es spätestens dann schwierig, wo das zu manipulierende Gegenüber fehlt.

Warum sollten die beiden Mädchen in ihrem ersten Duett Gefühle beschwärmen, die sie ja schon bald im besten Einvernehmen auf deren Belastungsfähigkeit hin austesten werden? Und müsste nicht Fiordiligis qualvolle Arie im zweiten Akt anders ausfallen in dem Wissen, dass Guglielmo, dem ihre Reuebekundungen gelten, grade eben mit dem Schwesterchen rummacht?

Da blieben ziemlich ausgedehnte Grauzonen, aus denen merkwürdige Momente artistischer Kühle entstanden; eine Art gläserner Wand, hinter der mögliche Leidenschaften sichtbar, aber nicht wirklich durchdringend wurden. Vielleicht bekam Cathy-Di Zhangs Fiordiligi in der genannten Verzweiflungsarie deswegen besonders viel Beifall, weil sich hier diese Selbstbezogenheit schlechterdings nicht durchhalten ließ? Die Australo-Chinesin zeigte auch sonst intensive Dringlichkeit, freilich auf Kosten gelegentlicher intonatorischer Freizügigkeit.

Da wirkte Jaeil Kims gelassene, fast etwas introvertierte Tenorlyrik als Ferrando organischer; er durfte dann in seiner letzten Rachearie zum emotionalen Nutzen des Ganzen ebenfalls noch ein wenig ausflippen. Das zweite Paar war mit der resolut-nüchternen Joanna Talarkiewicz und Yannick Debus als Guglielmo relativ hellstimmig-jugendlich besetzt: eher sportliche Eleganz als sinnliche Glut, ansprechend, aber nicht wirklich ans Existenzielle gehend.

Ivo Hentschel hielt die Potsdamer Kammerakademie und das lebhafte Bühnentreiben gut am Laufen, begegnete der dürren Freiluft-Akustik mit straffen Tempi und energischen rhythmischen Akzenten. Den Chor verkörperte die zweite Solistenbesetzung, was sich sehr gut machte; so wird es zu den nächsten Aufführungen sogar noch ein weiteres Partnerwechsel-Spiel geben.