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Der Kaiser ist zum Küssen da

Die Kammeroper sprengt mit ihrer „Poppea“ Grenzen

Juliane Felsch, in: Märkische Allgemeine, 25.07.2011

...Claudio Monteverdis Oper „Die Krönung der Poppea“ ist kein Stück, das die Folgen des Treuebruchs vor Augen führen will. Es ist eine Oper, die die Liebe verherrlicht – zum Tränen vergießen schön in der Version, wie sie jetzt Arila Siegert (Regie) und Raphael Alpermann (musikalische Leitung) für die Rheinsberger Kammeroper vorgelegt haben. Die Premiere am Freitag wurde vom Publikum leidenschaftlich umjubelt. Insgesamt rund 600 Zuschauer sahen die ersten beiden Aufführungen am Wochenende im Schlosstheater.

Großartige Stimmen (auch in den Nebenrollen), Regisseure mit außergewöhnlichem Gespür und fantastische Kostüm- und Bühnenausstatter trafen in Rheinsberg schon oft zusammen. Aber selten hatte man das Gefühl, dass alles so perfekt passt wie dieses Mal. Arila Siegert und Raphael Alpermann haben für ihre Fassung Hierarchien verlassen, die man von der Oper gewohnt ist. Zum Teil mussten sie das, gibt es für „Poppea“ – wie bei allen überlieferten Opern Monteverdis – doch keine ausgeschriebene Partitur...

Das historische Instrumentarium ist optisch und akustisch ein neuer Reiz: Sei es der Zink, ein altes Blasinstrument, das dem Zuhörer eine Ahnung vermittelt von alten Stimmungssystemen. Sei es das Regal, ein kleines Orgelinstrument, das wie ein gedämpfter Dudelsack klingt. Schon rein technisch kann also dieses Ensemble die Sänger nicht zukleistern. Der „dicke Pinsel“ kommt in der Romantik – das Durchsichtige ist das Glück der Musik der Monteverdi-Zeit...


Schloss Rheinsberg: L'incoronazione di Poppea,
Oper von Claudio Monteverdi

Carsten Niemann, in: kulturradio des rbb, 23.07.2011

...Eines dieser Experimente besteht darin, dass die Regisseurin Arila Siegert, die vom Ausdruckstanz zur Oper fand, die vor Sinnlichkeit strotzende Geschichte ganz aus dem Körperlichen entwickelt - ohne die Verbindung von Francesco Busenellos Libretto und Monteverdis Musik zu beeinträchtigen. Barfuß und in stilisierten Kostümen (Ausstattung: Marie-Luise Strandt) bewegen sich die Sängerdarsteller auf einer fast dekorationslosen Spielfläche, wozu bisweilen noch die Musiker des Concerto 14plus hinzutreten die in mehreren, reizvolle Raumklangeffekte produzierenden Gruppen um die Spielfläche positioniert sind.

Arila Siegerts gelingt es zusammen mit den Sängern und im Einklang mit Musik und Text eine stilisierte Körpersprache zu schaffen, die trotz aller Ästhetisierung nicht künstlich wirkt... Der Spaß an der Produktion teilt sich zum Schluss in einem improvisierten Tanz zu rhythmischem Klatschen des Publikums mit - sodass der Festivalleiter Siegfried Matthus Schwierigkeiten hat, die Blumen zu überreichen.


Ich bin dein, dein bin ich

Sternschnuppen: Claudio Monteverdis
„Krönung der Poppea“ im Rheinsberger Schloss

Ulrich Amling, in: Tagesspiegel 24.07.2011

...Die Regisseurin Arila Siegert kommt vom Ausdruckstanz. „Die Krönung der Poppea“ hat sie weitgehend ihrer göttlichen Verweise entkleidet. Fortuna, Tugend und Amor statuieren bei ihr kein Exempel dafür, wer im Himmel wie auf Erden wirklich das Sagen hat. Allein mit einem Netz, einer Grube und einem Vorhang gerüstet, wagt sie sich in einen Liebeskampf, den Monteverdi grausam ausleuchtet, bis verbannt oder tot ist, wer sich Poppeas Aufstieg auf den Kaiserthron noch widersetzen könnte, und Nero seine vormalige Gattin zu den Fischen schickt. „Ich bin dein, dein bin ich, meine Hoffnung, sag es, sage, dass du mein Abgott bist. Ja, mein Lieb, mein Herz, mein Leben, ja.“ So singen Nero und Poppea am Ende, aufleuchtend wie eine Sternschnuppe, untrennbar aufeinander gebannt wie Spiegel und Bild...

Obwohl nicht alle ihre Bewegungsangebote verfangen, gelingt es auch der Regisseurin, das Sängerensemble in ein poetisches Licht zu rücken. Wo soll man anfangen zu schwärmen? Aurélie Francks Porträt des Nero als erotischer Stadtneurotiker ist eine verblüffend reife Leistung, während Anna Gütters Poppea sich an die Grenzen der Schamlosigkeit heransingt. Julia Kirchner als verschmähte Ottavia beherrscht klassisches Pathos, Jérémie Brocard fühlt sich als Seneca mit seiner beweglichen Bassstimme hörbar wohl. Rupert Enticknap singt einen zart schmelzenden Ottone mit beweglichen Liebeszielen, Jin-Hee Lee dessen stets herztonhelle Drusilla. Bis in die kleinste Rolle gilt: Hier steht keiner im Regen. Und der Sommer ist noch lang.


Egomanen auf dem Thron

Claudio Monteverdis „L’incoronazione di Poppea”
in Rheinsberg

Irene Constantin, in: Deutschlandfunk, Musikjournal, 25.07.2011

„Drei Tage lang haben wir vormittags keinen Ton gesungen, auf dem Programm stand ausschließlich Bewegungstraining“, berichtet die Regisseurin Arila Siegert über den Probebeginn mit den jungen Sängerinnen und Sängern in Rheinsberg. Obwohl die szenische Ausbildung in den letzten Jahren unvergleichlich viel besser sei als in früheren Jahrzehnten, fehle es an der Fähigkeit, sich über den ganzen Körper auszudrücken.

In den Opernregie-Arbeiten der Choreografin und Tänzerin müssen die Sänger sehr komplexe Emotionen und Handlungsantriebe mit dem Körper darstellen. Triumphieren und Resignieren, Mut und Feigheit, Aufsteigen und Niedersinken, Begehren und Ablehnen, sogar das richtige Hinfallen wurde trainiert. Arila Siegert dazu:

„Wir bestehen zu 58% aus dem körperlichen Sich-Mitteilen, 32% aus dem Tonalen und der Rest ist der Geist.“

In der Rheinsberger „Poppea“-Produktion war das körperbetonte Spiel essenziell für das Funktionieren der Inszenierung. Durch einen breiten Steg war der variable Theaterraum quergeteilt. Rechts und links an den Stirnseiten dieser Spielfläche saßen die in drei Continuo-Gruppen aufgeteilten Musiker. Dazwischen mussten sich die Sänger alle Räume selbst erspielen. Zwei thronartige Stufen-Podien, ein Schleier und ein großes Netz waren die einzigen Bühnenbild-Elemente.

Vieles an dieser Produktion war Neuland für die Rheinsberger Darsteller. Singtechnische Elemente wie das Parlando der frühen Barockoper oder die tonwiederholenden Bockstriller am Ende einer ariosen Phrase waren nur die eine Hürde. Die andere lag in der ständigen Präsenz auf einer Bühne, die kaum Schutz und Rückzugs-Räume bot. Trotzdem, Ablehnung war in der gesamten Probenphase nirgends spürbar.

„Sie reagieren anders herum. Sie sagen, dann lerne ich endlich mal, wie ich meine Stimme hinkriege, wenn ich rückwärts mit den Beinen auf einer Treppe mit dem Kopf nach unten singen muss. So ist die Haltung. Und damit kann man gut umgehen. Ich bin da sehr kreativ auch im Finden anderer Möglichkeiten, wenn sie sagen, damit komme ich nicht so richtig klar. Dann überlegen wir warum, und wenn’s lösbar ist, dann lösen wir’s, oder wir finden was anderes.“

Jede Aufführung von Claudio Monteverdis „Krönung der Poppea“ verlangt die musikalische Fantasie des Dirigenten. Bis auf die vierstimmig notierte Ouvertüre ist das Werk nur in der Hauptstimme mit beziffertem Generalbass überliefert. Die Besetzung des Continuos, die Auswahl melodietragender Instrumente, der Einsatz von Ritornellen oder instrumentalen Einlagen, ja selbst die Stimmbesetzung der Solisten – alles wird jedes Mal neu erfunden.

In Rheinsberg leitete Raphael Alpermann, Cembalist und Gründungsmitglied der Berliner Akademie für Alte Musik, sein sehr junges Orchester „+14“. Es besteht aus Anwärtern und Studierenden seiner Klasse für Alte Musik an der Berliner Musikhochschule Hanns Eisler und einigen Gästen. Jeder einzelne Spieler in diesem jungen Ensemble musizierte erstaunlich virtuos. Und wo immer es sich anbot, mischten sie sich sogar unter die Darsteller, um einen Tanz zu befeuern, ein Liebespaar zu verlocken oder auch, um dem sterbenden Seneca beizustehen.

Raphael Alpermann hat sich die Arbeit damit natürlich zusätzlich erschwert, jedoch überwog der szenische Zugewinn dieses buchstäblich lebendigen Musizierens die wenigen spürbaren Koordinations-Mühen deutlich. Alpermann und Siegert haben auf das mythologische Personal und die entsprechende Rahmenhandlung der Oper verzichtet. Der Gewinn war eine frappierende Gegenwärtigkeit der erotischen Intrigen im inneren Zirkel der Schönen und Mächtigen.

Poppea wechselt unangefochten aus dem Bett des erfolgreichen Militärs in das des Kaisers und verdrängt die bisherige Kaiserin. General Ottone wiederum nutzt seine kleine Geliebte Drusilla, um in deren Kleidung unerkannt einen Mord zu versuchen. Die Anstifterin ist die verstoßene Kaiserin Ottavia. Alle in diesem bösen Spiel aufbrechenden Triebe und Taten wurden mit großer Intensität gespielt und gesungen. Ein wenig zu kurz kam allenfalls das humoristische Element, wenn Monteverdi einmal die unteren Chargen zu Wort kommen lässt.

Der französische Bass Jérémie Brocard war als Seneca der überragende Sänger des Abends. Weiterhin hervorzuheben aus dem sehr guten Ensemble: Anna Gütter als zukünftige und Julia Kirchner als verstoßene Nero-Gattinnen, Poppea und Ottavia. Den Kaiser selbst gab die androgyn-bezaubernde Aurélie Franck. In der glanzvollen Überhöhung dieser drei lebte Marie-Luise Strandt ausgiebig ihre Kostümfantasie in Blau, Gold und Weiß aus.

Das berühmte Schlussduett, „dich zu sehen, dich zu spüren“, ließ am Ende jedoch keinen Zweifel: so schmelzend sich die Stimmen verschlingen, mit Nero und Poppea wird es kein gutes Ende nehmen. Die Körper aller anderen Sänger formten einen Fries der Toten und Erniedrigten, der die beiden Egomanen auf ihrem Thron immer weiter voneinander trennte. Großer Jubel nach der Anspannung dieser eindrucksvollen Opernproduktion.


Kammeroper Schloss Rheinsberg 2011: L'incoronazione di Poppea

Chihoko Zeisberg-Nakata, in der japanischen Musikzeitschrift Ongakugendai, Tokyo 09/2011

Gelobt wird die „beredsame, rührende Körpersprache“ der Inszenierungvon Arila Siegert  und die hervorragende musikalische Ausführung unter der Leitung von Raphael Alpermann. Von den Sängern hebt die Kritikerin besonders die „große Hoffnungen“ machenden Leistungen von Jérémie Brocard (Seneca) und Anna Gütter (Poppea) hervor.

Die Redaktion hat den Beitrag neben den Bericht über Bayreuth ins Blatt gehoben.


Rheinsberg 2011: Die Krönung der Poppea

Peter Jobst (Salzburg), in: gaynet, 27.07.2011

...Im Zentrum steht heuer eine aktuelle wie spannende Inszenierung von Claudio Monteverdis „L'incoronazione di Poppea“. Arila Siegert (Regie) und Raphael Alpermann (Dirigent) entlocken ihren Debütanten grandiose musikalisch szenische Präsenz. Mit einfachen Mitteln entsteht dramatische Intensität, wie etwa in Szene, in der Seneca (un)freiwillig in den Tod geht. Wunderbare, wenn auch noch unfertige Stimmen zeigen neue Wege in Technik und Stimmkultur auf.

Gerade Countertenöre (Ottone, Arnalta) demonstrieren heute männliches Auftreten und Timbre auch in hohen Lagen. Souverän und selbstbewusst in Stimmführung und Bewegungen: Jin-Hee Lee (Drusilla), Julia Kirchner (Ottavia), Anna Gütter (Poppea), Aurélie Franck (Nerone): Die Mitwirkenden schaffen mühelos den Seiltanz zwischen Ensemble und Soli, hervorragenden Musiker auf historischen Instrumenten werden in das Spiel auf der Bühne integriert.

In dieser antiken Chronique Scandaleuse verzichtet die Regie auf Allegorien (Fortuna, Tugend, Amor): Kaiser Nero verstößt seine Gemahlin Ottavia, heiratet die Kurtisane Poppea, zwingt seinen Lehrer Seneca zum Selbstmord. Choreografie, Körpersprache, Gesang, Deklamation und Bewegung stehen in Harmonie zu Musik und Text. Ein aktuelles Stück mit Zutaten wie Mord, Liebe, Eifersucht: Ein empfindlicher Machtmensch verliert alle Skrupel... Viele Parallelen zur Gegenwart drängen sich auf.


„L'incoronazione di Poppea“ in Rheinsberg

Julia Schmidt, in: RBB-TV

Es ist das musikalische Ereignis jedes Jahr im Schloss Rheinsberg – die Kammeroper. Das Open-Air-Festival lockt tausende Besucher nach Rheinsberg. Einer der Höhepunkte ist die erste große Premiere: „L'incoronazione di Poppea“ (Die Krönung der Poppea) im Schlosstheater. Die fast 500 Jahre alte Oper von Claudio Monteverdi (1567–1643) ist eine große Herausforderung für die Jungdarsteller.

Wie in allen großen Geschichten auf der Bühne geht es um Macht und Liebe. Gier korrumpiert die menschlichen Verhältnisse – einst und heute; sie verführt Nero, Poppea und die anderen zu Verrat und Mord. Und dennoch zwischen all den Intrigen flackert die wahre Liebe auf. Mit Anmut holen die Rheinsberger Macher das Meisterwerk der frühen venezianischen Schule in die heutige Zeit.

Das Publikum sitzt im Saal und auf der Bühne, die Sänger spielen auf dem Orchestergraben und bewegen sich durch den Saal. Hier ein Cembalo, dort ein paar Streicher, das ergibt Oper rundum. Barocke Musik und Gesang verdichten sich auf engstem Raum. Die Regisseurin Arila Siegert ist eine berühmte ehemalige Tänzerin und hat das Ganze choreografiert.


Jung, spritzig, heutig

 and, in: Die-Mark-Online 24.07.11

Man müsse von Berlin nach Rheinsberg fahren, um großes Theater zu erleben – so die spontane Reaktion eines Besuchers nach der Premiere von „L'incoronazione di Poppea“ am Freitag. „Die Krönung der Poppea“, Claudio Monteverdis letzte Oper, entstand Mitte des 17. Jahrhunderts. Die Handlung geht noch weiter zurück, bis ins antike Rom.

Ein barockes Fest: „Die Krönung der Poppea“ von Claudio Monteverdi. Aber die Aufführung im Rheinsberger Schlosstheater ist jung, spritzig, heutig. Eine große Entdeckung des 2011er Kammeropern-Jahrgangs ist Jérémie Brocard aus Frankreich. Mit kernigem, edlem und nuancenreichen Bass zeichnet er einen würdevollen und verletzlichen Philosophen Seneca.

...In den tosenden Schlussapplaus hinein nehmen die Musiker noch einmal die Instrumente auf und alles tanzt. Ein barockes Fest geht zu Ende.


Ann-Christine Mecke, in: Berliner Zeitung, 25.07.2011

...Vor der Aufführung gilt es erst einmal, eine Fassung herzustellen. In Rheinsberg haben der Musikalische Leiter Raphael Alpermann und die Regisseurin Arila Siegert das übernommen und mutig den ganzen Prolog gestrichen, in dem sich sonst die Götter der Liebe, der Tugend und des Glück darüber streiten, wer am einflussreichsten ist. Und obwohl es eigentlich der Liebesgott ist, der persönlich die entscheidende Wende der Handlung herbeiführt, funktioniert diese Vereinfachung reibungslos.

Raphael Alpermann hat eine ausdrucksstarke und kreative musikalische Fassung erstellt, in der die radikalen Stimmungswechsel der Oper besonders deutlich werden. Er platziert seine Musiker in drei Gruppen auf der Bühne und manchmal zusätzlich auf den Galerien, so dass der Zuschauer sich mitten im Orchester wiederfindet. Das sorgt für einen immer wieder überraschenden Klangeindruck, der durch das putzmuntere Spiel des blutjungen Alte-Musik-Ensembles des "Concerto +14" noch weiter gesteigert wird.

Die Raumeffekte tragen jedoch auch szenisch etwas aus: Die Entfernung zwischen Sängern und begleitenden Instrumenten kann Gefühlsausbrüche verstärken oder Figuren einsamer erscheinen lassen. Regisseurin Arila Siegert nutzt diese Wirkung weiter aus, indem sie die Musiker auch ins Bühnengeschehen einbezieht: Ein Theorbist, der ganz nah an den sterbenden Seneca heranrückt, erzeugt ergreifende Intimität; während die frech hervortretende Blockflötistin die Dreistigkeit des Pagen verdoppelt...


Opernglas 10/2011, Autor: J. Müller
KAMMEROPER SCHLOSS RHEINSBERG:

L’incoronazione di Poppea,30. Juli 2011

Kann man im Alter von 32 Jahren einen verklärten, lebenssatten Philosophen spielen, der siebzigjährig seinen Freitod zu einem Fest der Pflicht stilisiert? Der junge Franzose Jérémie Brocard verleiht seinem Seneca strenge Züge, deren Würde und Bedrohlichkeit dessen spätpubertierenden Schüler Nero (Aurélie Franck) noch in den Albträumen verfolgt. Mit diesen beiden Sängern war das Sicherheitsnetz gut gespannt für den gewagten Drahtseilakt, den Monteverdis »Incoronazione« wegen seiner zahlreichen Vorentscheidungen für Fassung (Raphael Alpermann) und Regie (Arila Siegert) immer verlangt...

Aurélie Franck legte ihren sprunghaften Nerone rücksichtslos und dekadent an. Das anfänglich auf gestelzte Bewegungen fixierte Auftreten ging schließlich in kalte Gewissenlosigkeit über, während Anna Gütter der Poppea sowohl ein gehöriges Maß kontrollierter Berechnung wie auch gleich portionierter Frivolität zurechnete. Das Schlussduett „Pur tu miro“ geriet dem Ensemble dann zu einem wahrhaften Höhepunkt. Die zuvor stufenweise erstiegenen Thronhälften wurden langsam von den Höflingen auseinandergezogen, eine Metapher für den bevorstehenden tödlichen Ehekrieg. Aber noch umarmen sich die Hände und Stimmen zärtlich und durch ihre sehr jugendliche Frische mischen sie sich klanglich so wunderbar, wie es kaum von routinierten, individuell timbrierten Altstars auf manch gut ausgesteuerter CD zu hören ist. Ein klarer Vorteil junger Stimmen!

Die Regisseurin Arila Siegert hatte, da sie selbst vom Ausdruckstanz kommt, insgesamt vielleicht zu viele Bewegungsangebote gemacht, aber durch die märchenhaften Kostüme der Kammeroper Schloss Rheinsberg (Marie-Luise Strandt) fand das Auge des Betrachters stets lohnende Perspektiven.

Und ganz besonders kamen die Freunde der Musik der Monteverdi-Zeit auf ihre Kosten. Raphael Alpermann an Cembalo und Truhenorgel trug sein ganzes Temperament an die drei Continuogruppen heran, die das „Ensemble Concerto + 14“ stellte, ebenfalls sehr junge Musiker der Hanns-Eisler-Hochschule Berlin und der Schola Cantorum Basiliensis aus Basel. Historische Instrumente wie Regal, Zink und Theorbe fanden selbstverständlich ihren Einsatz, bisweilen auch szenisch, etwa bei dem anrührenden Schlafliedchen der Amme Arnalta (Sergei Tsipilev).

Ein musikalischer und szenischer Höhepunkt war kurz vor der Sterbeszene Senecas das mit den Sängern tanzende Orchester, das eine berauschende Lebensfreude aufkommen ließ. Die philosophische Formel, dass das Leben nur eine Vorbereitung auf den Tod und dieser folglich nichts Fürchterliches für einen Stoiker sei, konnte auf diese Weise ergreifend umgesetzt werden. Die ganze Freude an der wochenlangen Einstudierung an diesem besonderen Ort war in der musikalischen Wiederholung der erwähnten Seneca-Szene als krönende Abschlusszugabe spürbar, so unbändig, dass dem inmitten seines Ensembles tanzenden Raphael Alpermann sein in die Luft geworfenes Tamburin entflog.


Vorberichte:

Märkische Allgemeine, 22.07.2011

...Die Solisten dieser Aufführungen der Kammeroper Schloss Rheinsberg kommen aus acht Ländern. Dirigent Raphael Alpermann musiziert mit dem Ensemble „Concerto plus14“ auf historischen Instrumenten. Dazu gehören neben Violinen, Cello und Bass auch Cembalo, Truhenorgel, Theorben und Zinken...

In unermüdlicher Probenarbeit spürte der musikalische Leiter Raphael Alpermann zusammen mit der Regisseurin Arila Siegert, den Sängern und den Musikern die vokale und instrumentale Gestalt der einzelnen Szenen auf. Ausstatterin Marie-Luise Strandt hat eine Spielfläche in der Mitte des Rheinsberger Schlosstheaters errichtet. Die handelnden Personen – Sänger und Musiker – spielen so mitten im Publikum...

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Ein Stück über Macht, Gier und Liebe

Die-Mark-Online, 20.07.2011

...Eine kleine Vorschau auf die Aufführung „Die Krönung der Poppea“ gab es am Mittwochabend im Rheinsberger Schlosstheater. Eindrucksvolle Bilder dominierten die Probe für das Stück, das ab Freitag dort zu sehen sein wird...


...ohne pünktchen