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Konzeption




Tanz, Geschlechterkampf, Walpurgisnacht

Chemnitz darf sich auf eine phänomenale „Carmen“ freuen

Roland H. Dippel in: Neue MusikZeitung, 16.03.2020, über die Generalprobe 12.03.2020

Am Abend der Generalprobe von Georges Bizets „Carmen“ gab man sich noch zuversichtlich. Die Absage des kompletten Spielbetriebs bis zum 13. April erfolgte am Theater Chemnitz genau 19 Stunden nach deren Ende. Dabei deuteten alle Zeichen auf einen intensiven Abend, dessen Premiere jetzt wegen der Maßnahmen gegen die Verbreitung des Corona-Virus verschoben wurde. Attackierender Motor der Generalprobe war der Tenor Gustavo Peña.

Der schonungslos seine Reserven nutzende Gustavo Peña riss alles mit, so dass dieser Wellensturm der Leidenschaft wie in einer ‚richtigen‘ Vorstellung kleine Irregularitäten verschlang. Das erste Bild der Chemnitzer „Carmen“-Generalprobe gelang perfekt, während des zweiten und dritten arbeitete man noch an Farben und Feinschliff. Beeindruckend geriet die Leistung des Opernchores unter Stefan Bilz, der in dieser Spielzeit mit „Mefistofele“, „Lohengrin“ und jetzt „Carmen“ einen imposanten Arbeitsrekord aufstellt, sowie des Kinderchors mit dezenter Überalterung. Da wird in Sevilla eine frische Generation von Soldatenliebchen alsbald flügge (Dovilė Šiupėnytė).

Stier- und Geschlechterkampf: Gleich im Vorspiel des 1875 an der Pariser Opéra comique uraufgeführten Beziehungsthrillers drängt die Menge in die Arena. Dahinter steht die Schänke des Todesboten Lillas Pastia (Sylvia Schramm-Heilfort). Durch eine schmale Gasse tritt Carmen vor. Mit einem riesigen roten Tuch umgarnt sie den Sergeanten José. Später umschlingt er sie mit diesem, bevor sein Messer in ihrem Unterleib wühlt.

Hier ist Carmen, der Sturmvogel freier Sinnlichkeit, allerdings keine Emanze, die sich auf dem Altar der Gleichberechtigung opfert. Und die Inszenierung will keine Kritik an den Geschlechterfronten hinter den romantischen und folkloristischen Motiven aus Prosper Mérimées Novelle. Angesichts der mit Joppe und gestricktem Wollschal auftretenden Micaela (Maraike Schröter) versteht man sofort, dass gesunder Alltag chancenlos bleiben muss gegen Verheißungen der Andersartigkeit – ob in Andalusien oder im Erzgebirge.

Zur erotischen Betäubung des durch ein Scharmützel von der katholischen Kleriker-Laufbahn zum Militär abgedrängten José bedarf demzufolge auch keines ‘Zigeunerzaubers’. Arila Siegert (Regie), Marie-Luise Strandt (Kostüme) und Hans Dieter Schaal (Bühne) übertreffen sich nach ihrem Chemnitzer „Ballo in maschera“ mit Bernd Feuchtner (Dramaturgie) selbst. Jedes szenische Detail sitzt messerscharf, die Dialoge (Sprachcoach: Vincent Borrits) haben nachdrückliche Dynamik.

Vor allem funktionieren die akuten Brüche und Sprünge in Bizets Partitur und der nach dem Deutsch-Französischen Krieg zu ihm übergelaufenen Offenbach-Textdichter Henri Meilhac und Ludovic Halévy. Das Skandalon dieses dereinst neuartigen Panoramas von Unterschicht und Amoralität ist zwar passé, nicht aber der Zündstoff einer auch ohne Viren oder Druck von außen selbstzerstörerischen Paar-Dynamik.

Im immer eine Spur übersteuerten José steckt der Teufel Eifersucht und auch dank der Edition von Michael Didion ist Carmens erotische Lebhaftigkeit schon vor ihrem ersten Ton kein Geheimnis. Geöffnete Striche wie die Hahnrei-Couplets von Morales (Max Dollinger), der Männer-Chor beim Auftritt der Zigarettenarbeiterinnen und kleine Zwischenspiele befeuern den Abend. Konsequenterweise wird der Torero Escamillo zum Beau, der Carmen mit Dolce Vita beglückt (Andreas Beinhauer).

Guillermo García Calvo und die Robert-Schumann-Philharmonie machen alles mit und treiben an. Rasant die Verve und Brillanz des ganzen Ensembles und der Musiker*innen bei Sprüngen wie denen von echter Frivolität zur falschen Walpurgisnacht im Schmugglerbild. „Carmen“ wird serviert als auf Wespentaille verschlanktes Kunstwerk der Zukunft und enervierendes Potenzmittel. Am Teatro de la Zarzuela weiß man genau, was für ein Glücksfang der neue Musikdirektor ist. Wie beim Chemnitzer „Ring des Nibelungen“ versteht Guillermo García Calvo unter Dramatik koloristisch betörende, situativ punktgenaue und sängerfreundliche Zuspitzungen.

Im diffizilen Schmugglerquintett kommt’s zum Geschwindigkeitsrausch, den Sylvia Rena Ziegler als Carmen abbremst. Nicht im Tempo, sondern durch starke Persönlichkeit. Sie gestaltet die Partie mit magnetischer Präsenz und verführender Simplizität. Diese Hexe kokettiert nicht, lamentiert nicht und wird dadurch erst recht unwiderstehlich. Carmen weiß auch ohne Todesboten, mit dem sie ausgelassen zur Corrida tanzt, was Sache ist und wie diese für sie ausgehen wird. Im Gegensatz zu Don José, einer an beiden Enden brennenden Kerze.

Fast beängstigend verkörpert Gustavo Peña einen Choleriker, dessen gute Vorsätze am Gewaltpotenzial zerschellen. In zupackender Verausgabung seines klaren Tenor-Materials und erstaunlicherweise ohne Überdruck ist Gustavo Peña mehr Raubkatze als Stier mit einer Neil Shicoff und Fabio Armiliato gleichkommenden Eindringlichkeit bis zur Selbstzerfleischung: Ein solcher Liebesterrorist wäre der ideale Mann für alle von der Macht des Schicksals Getriebenen im mediterranen Repertoire.

Vorhang zu und keine Fragen offen. Die Chemnitzer „Carmen“ verdient nach der Schließzeit ein volles Haus.


Die Verführerin und der Liebesterrorist

Adventskalender ohne Weihnachten:
„Carmen“-Generalprobe vor der großen Corona-Pause an der Oper Chemnitz

Leipziger Volkszeitung 20.03.2020, Roland H. Dippel

Generalproben ohne absehbare Premiere gab es vor dem Wochenende ... [u.a.] an der Oper Chemnitz mit Bizets „Carmen“. … Durch Zufall war der Rezensent in der Chemnitzer „Carmen“-Generalprobe und erhielt die Genehmigung der Theaterleitung zum Bericht.

Bereits das erste Bild ist so stark, dass man sich die Premiere dringlich herbeisehnt. Auch dem Theater-Aberglauben, dass eine Produktion nur gelingt, wenn es in der Generalprobe eine zünftige Panne gibt, trägt Chemnitz Rechnung: Während des zweiten und dritten Akts arbeitet man noch fieberhaft an Farben und Bühnen-Feinschliff.

Schon im Vorspiel des Beziehungskrimis drängt die Menge in die Arena. Mit einem riesigen roten Tuch umgarnt Carmen den Sergeanten José. Später umschlingt er sie damit, bevor sein Messer in ihren Unterleib fährt: Tod, Schicksal, Ekstase. Angesichts der mit gestricktem Wollschal auftretenden Micaëla (Maraike Schröter) versteht man sofort, dass sie chancenlos bleibt gegen die Verheißungen des Fremden. Zur erotischen Betäubung Josés bedarf es demzufolge auch keines Zigeunerzaubers. Arila Siegert (Regie), Marie-Luise Strandt und Hans Dieter Schaal (Ausstattung) übertreffen sich hier selbst. Jedes szenische Detail sitzt, die Dialoge haben nachdrückliche Dynamik.

Im immer eine Spur übersteuerten José steckt der Teufel Eifersucht, und Carmens erotische Sprunghaftigkeit ist schon vor ihrem ersten Ton kein Geheimnis. Geöffnete Striche wie die Hahnrei-Couplets von Moralès (HMT-Student Max Dollinger) befeuern den Abend. Konsequenterweise wird der Torero Escamillo zum Beau, der Carmen mit Dolce Vita beglückt (Andreas Beinhauer).

Generalmusikdirektor Guillermo García Calvo, seine Robert-Schumann-Philharmonie und das ganze Ensemble machen alles mit. Wie bei seinem „Ring“ versteht Calvo unter Dramatik koloristisch betörende punktgenaue und sängerfreundliche Zuspitzungen.

Im Schmugglerquintett bremst Sylvia Rena Ziegler als Carmen den Geschwindigkeitsrausch. Nicht im Tempo, sondern durch Persönlichkeit. Sie singt mit großartiger Präsenz und gestaltet mit verführender Simplizität. Carmen weiß auch ohne Todesboten, wie die Sache für sie ausgeht.

Beängstigend intensiv verkörpert Gustavo Peña den Choleriker José, dessen gute Vorsätze am eigenen Gewaltpotenzial zerschellen. Mit voller Verausgabung seines Tenor-Materials, doch ohne Überdruck ist Peña mehr Raubkatze als Stier. Vorhang zu und keine Fragen offen. Die Chemnitzer „Carmen“ verdient nach der Schließzeit ein volles Haus.