home konzept




„Total begeistert“

Uwe Friedrich, in : MDR Kultur (14.09.2019, 10:15 h, 7'30, ca.7 MB):

Mod.: Kandinsky in Dessau, aber nicht an der Wand sondern auf der Bühne, inszeniert von Arila Siegert, Regisseurin, Choreografin, Ex-Solotänzerin, bringt am Anhaltischen Theater eine Uraufführung heraus: Wassily Kandinsky, „Violett“. Uwe Friedrich ist in der Premiere gewesen… Was ist das für Theater? Hat Kandinsky richtig einen Plot mit Szenen geschrieben oder ist es ein Libretto oder sind es Anweisungen für bewegte Bilder? Was haben Sie gesehen?

Friedrich: Jedenfalls kein Schauspiel und keine Oper, sondern es ist eine Szenenfolge, sehr assoziativ, eher lose verbunden. Was noch am ehesten eine Handlung hat, ist ein Ehepaar, das aber eine offenbar nicht sehr glückliche Beziehung führt. Die reden immer nur aneinander vorbei und wiederholen bestimmte Text-Formeln. Das erinnert vielleicht ein bisschen an Ionesco, an das absurde Theater. Das steht alles unverbunden nebeneinander. Ich dachte zwischendurch an die Oper „Einstein on The Beach“ von Philip Glass; das ist allerdings erst um die sechzig Jahre später entstanden, wo das Publikum – es wird pausenlos gespielt – ausdrücklich rausgehen oder schlummern darf, weil es eh keine Handlung gibt. Also Kandinsky war 1914, als er das konzipiert hat, wirklich bei der Avantgarde. Es ist ja die Zeit, wo es vom Realismus im weitesten Sinn nicht nur in der Malerei, auch in der Musik übergeht in die Abstraktion. Genau sowas macht er in diesem Stück, das „Bühnenkomposition“ heißt, also schon auch Musik dabeihaben sollte und alle Sinne ansprechen sollte und wollte.

Mod.: Es heißt Bühnenkomposition, aber Kandinsky hat nicht komponiert. Arila Siegert kennt ja das Bauhaus gut und hat den Traum vom Totaltheater geballt auf der Bühne. Aber für die Musik hat Kandinsky nichts hinterlassen. Da ist Musik von Ali N. Askin dabei. Was hat er komponiert, hat er überhaupt komponiert oder hat er gemixt oder kuratiert?

Friedrich: Er hat alles gemacht, er nimmt und findet, was er kriegen kann. Und das meine ich überhaupt nicht negativ. Sondern diese Musik ist zum Teil ungeheuer originell, sehr schön für ein paar Musiker des Anhaltischen Theaters, sieben insgesamt – Violine, Violoncello, Flöte, Fagott, Posaune, Tuba, Schlagzeug -, und die sind verteilt im Raum. Es gibt einen Bühnenaufbau von Moritz Nitsche. Wir sitzen also auf der Hauptbühne, können sowohl in den Bühnenturm reinschauen, als auch, wenn der Vorhang aufgeht, in den großen Saal des Theaters, der auch sehr klug bespielt wird. Das Orchester ist zum Teil hinter diesem neu erbauten Amphitheater. Manchmal sieht man die Musiker auch; Sänger in dem Sinn gibt’s keine, der Opernchor ist involviert. Auch der Raum wird wirklich genutzt. Einmal ist der Chor oben im Bühnenturm. Man hat Lautsprecher, über die Klänge zugespielt werden: zum Teil Straßenklänge, Leierkasten, aber dann auch Selbst-Komponiertes, was mal psychedelisch entspannend ist, dann wieder sehr drängend, schlagzeug-getrieben. Auch die Musik hat ein ungeheures Timing und ordnet sich ein in die anderen Theatermittel, die mit verwendet werden.

Mod.: Diese Raumbühne – Dessau hat ja richtig Platz dafür, ist ja ein großes beeindruckendes Bühnenhaus. Wenn alles so offen ist, gibt es ja auch viel Platz für die Regisseurin, Arila Siegert – großer Name im Mitteldeutschen Theater. Was ist ihre Idee für Kandinsky?

Friedrich: Man kann sie nur hoch, hoch, höchst loben dafür, dass sie diesen ganzen Abend über einen Spannungsbogen hält, der mal angezogen wird, dann mal wieder nachlässt. Und ich war wirklich die ganzen eineinhalb Stunden gespannt: was mach sie als Nächstes. Es gibt vielleicht die eine oder andere Szene, wo ich dachte: jetzt könnt’s mal vorbei sein, aber dann ist es auch vorbei, dann kommen so klamaukige Statisten wie in Stummfilm-Slapsticks, die sie Szene wieder umbauen. Das Ballett ist mit von der Partie, das eher abstrakte Dinge macht. Dann kommen diese beiden Schauspieler, die diese etwas retardierte groteske Komik dieses Paares spielen. Auch hier sieht man, dass Arila Siegert von der Choreografie kommt. Auch der Chor und die Statisten spielen sehr körperhaft. Sie sind auch sehr nah am Publikum; man sieht sie wirklich arbeiten. Und trotzdem funktioniert die Illusion von Theater: wir bekommen gerade was vorgespielt. Es gibt ein sehr beeindruckendes Bild, wo eine schwarze Stelzen-Todes-Soldaten-Figur Kinder unter ihren Mantel nimmt; es ist ein bisschen wie der Rattenfänger von Hameln. Das Stück ist von 1914, also kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Diese Gefahr des Zerfallens einer Gesellschaft – ein Gefühl, das wir ja heute auch kennen -, einer Polarisierung in der Gesellschaft, alles das steckt da drin, ohne dass es aufdringlich wird. Das ist wirklich die ganz große Kunst. Es gibt noch dazu Live-Malerei von Helge Leiberg, der das Bühnenbild quasi aus dem Stand entwirft. Das wird projiziert. Dann gibt es noch Video-Projektionen von Guido Petzold. Die ungeheuer einfallsreichen Kostüme sind von Marie-Luise Strandt. Ich nenne die jetzt alle einzeln, weil die es wirklich wert sind, tolle Sachen beigetragen haben…

Mod.: Alle sind dabei bei dieser Großproduktion…

Friedrich: …es sind alle dabei und es verschmilzt wirklich zu einem Ganzen, wo niemand herausragt, wo ich sagen würde, das ist eine Produktion von X oder Y, sondern es ist eine echte kollektive Produktion, wo sie offenbar alle zusammengearbeitet haben.

Mod.: Der Bauhaus-Traum vom Totaltheater – richtig Aufwand in Dessau zum Bauhaus-Jubiläum, und wenn ich Ihnen so zuhöre: das hat sich gelohnt. Es gibt eine klare Uwe-Friedrich-Empfehlung?

Friedrich: Ja, Daumen geht hoch. Ich bin total begeistert. Ich bin sehr glücklich aus dem Theater gekommen und kann nur jedem raten: wenn Sie noch keine Karte haben, flott beeilen, eine sich zu holen. Denn so viele Plätze gibt es nicht auf dieser sozusagen Miniatur-Version eines Totaltheaters, das aber trotzdem eine sehr gute Idee davon gibt, wovon die Theater-Reformer Anfang des 20. Jahrhunderts träumten.

 
und ähnlich auch als Gespräch in DLF-Musik-Journal mit kurzen Musikausschnitten

Kaleidoskop des Lebens

Wassily Kandinsky, Ali N. Askin: Violett 

Von Ute Grundmann am 14.09.2019, in: Deutsche Bühne

Im Parkett bricht Cancan-Seligkeit aus. Der riesige Saal des Anhaltischen Theaters bleibt an diesem Abend meist leer, aber jetzt hat der Opernchor die Reihen erobert, schwenkt goldene Schlüssel, Instrumente, Gießkannen. Später werden alle nicht um das goldene Kalb, sondern um einen schwarzen Stier tanzen, ihn mit Flitterkram schmücken. Das ist eine von vielen turbulenten Szenen in einer Uraufführung von Wassily Kandinsky: „Violett“. Es ist eine von vier Bühnenmusiken des Komponisten, die jetzt, zum Bauhaus-Jubiläum, Arila Siegert (Regie und Choreografie) auf die Dessauer Bühne bringt.
 
Und die ist an diesem Abend so ungewöhnlich wie das Stück. In vier Blöcken werden 240 Zuschauer auf der Bühne um ein rundes Podest platziert; Bühnenbildner Moritz Nitsche ließ sich von Walter Gropius‘ „Totaltheater“ inspirieren. Ein weißer Vorhang versperrt zunächst den Blick in den Zuschauerraum, auf ihm bildet sich eine rote Kugel aus, dehnt sich auf weitere Leinwände an den Seiten. Sie wird größer, wechselt zu Lila – dazu sind rasante Schläge zu hören, als rassele ein Kochlöffel in einem Topf.
 
Dann legen Kerstin Schweers als divenhafte Dame und Jörg Thieme als eleganter Herr ihre Rollen an: Sie werden eingekleidet, betreten das Rundpodest und quetschen sich durch eine schmale Tür. Begleitet werden sie von einzelnen Posaunentönen, gespielt von Stefano Perini. Die Dame und der Herr sind die eine Seite, die Masse Mensch die andere Seite in „Violett“, das ursprünglich „Der violette Vorhang“ hieß: Mit ihm wird der Herr tanzen.
 
Von 1911 bis 1914, dem Jahr, in dem der 1. Weltkrieg begann, hat Kandinsky an seiner Komposition gearbeitet, zu einer Aufführung kam es nie. Er sah sie als Teil seiner „Erneuerung des Theaters“, sie sollte musikalischen Klang, Farbenklang und Bewegung zusammenführen. Auch für die Farben hatte er klare Vorstellungen: Gelb als irdische, Blau als himmlische Farbe, Hellrot für Triumph, Orange für den Menschen. Und er stellte die Fragen aller Fragen: „Ob Sie dieses Werk entführt hat in eine Ihnen bisher unbekannte Welt. Wenn ja, was wollen Sie mehr?“
 
Die Antwort, die Arila Siegert und ihr Team geben, ist eindrucksvoll. Das Paar streitet, singt, spricht, zittert. Eine Kuckucksuhr tönt, tickt, die Masse marschiert, „die Augen rechts“, erobert – in bunten Kitteln und antiken Kriegerkostümen – die Vorbühne. Der Chor schlurft mühsam gegen die Bühnendrehung an, drei Tanzpaare drehen, heben sich, die Frauen laufen in der Luft weiter.
 
Arila Siegert, früher „beratende Expertin“ an der Bühne am Bauhaus, schüttelt ein Kaleidoskop des Lebens, das damals wie heute gleichermaßen meint. Als Kriegsahnung klagt ein Krückenmann sein Los, steht als schwarzverhülltes Menetekel auf der Vorbühne, schließt zwei Kinder in seine tödliche Umarmung. Aber da schlendert auch ein junger Mann, auf sein Smartphone starrend, vorbei.

Ein flinker Pinsel malt eine Wolf-Stier-Kuh auf den Vorhang, die Figur changiert von Rot zu Gelb zu Türkis. Der Herr wandelt sich wie die Farben, die er benennt, endet in „Straßenkotolive“. Und die Musik dazu rattert, pfeift, klingt, schwebt, braust, droht, poltert im Galopp. Leider ist dem üppigen Programmheft nicht zu entnehmen, welchen Anteil Ali N. Askin (Komposition und Sounddesign) an den Klängen dieses Abends hat, dafür hat das Heft einen Extraumschlag mit Kandinsky-Formen und -Farben.
 
Ein 90 Minuten langer, turbulenter Wirbel, in dem Chordirektor Sebastian Kennerknecht die vielen musikalischen Fäden souverän in den Händen hält. Choristen singen vom Schnürboden herab, ein Bläserruf grüßt ein „Gesundes Leben!“, die Violine (Katharina Brandt) stimmt „Ach, du lieber Augustin“ an, der Herr hört dem Cellospiel von Gerald Manske zu. Nach vielen möglichen Schlüssen knarrt die Drehbühne im Dunkeln. Dieser wunderbare Abend ist vieles, nur eines nicht: „die grüne Langeweile“.


"Lila oder der letzte Versuch", sagte Arila Siegert

Andre Sokolowski, in Kultur Extra das Online Magazin, 15.09.2019 und der Freitag

Vor 9 (neun!) Jahren sah ich mit Rameaus Les Paladins an der Deutschen Oper am Rhein das letzte Mal eine Arbeit von Arila Siegert - kann und darf das sein, dass ich von ihr seither nichts mehr zu sehen kriegte? Ein Skandal! (Man sollte halt auch außerhalb der sog. Hauptstadt für so alles Mögliche nach wahren Raritäten Ausschau halten; Asche auf mein Haupt.)

Sie ist DIE deutsche Ost-Ikone des modernen Tanztheaters (Palucca-Schülerin, Tänzerin, Gründerin und Leiterin diverser Compagnien, Choreografin, Opernregisseurin usf.), und einige von ihren Tanzstücken sind weltweit aufgeführt worden; seit Jahren ist sie "frei" und kann und will sich daher aussuchen, was sie und wo sie's macht - jetzt holte sie das Anhaltische Theater Dessau, wo sie die von ihr 1992 gegründete Tanzkompanie vier Jahre leitete, zurück ans Haus, damit sie hier Wassily Kandinskys Bühnenkomposition Violett (mit der eingängigen und auch unterhaltenden Musik von Ali N. Askin) realisiert.

Sie machte dann auch gestern Nachmittag kurz vor der 2. Vorstellung die Werkeinführung selbst - das überwiegend "reife" Publikum nebst mir lauschten ihr gern dabei; sie fand die rechten und v.a. allgemein verständlichen Worte zu einem Projekt, das von seinen Ursprungs-Initiatoren (neben dem Kandinsky auch noch Walter Gropius) seiner Zeit hochtrabend hyperintellektualisiert wurde; die Siegert gab dann auch paar Kostproben aus dieser Richtung, ja und meistens klang es irgendwie nach "Bahnhof", was als O-Zitat da unser volkstümliches Ohr erreichte...

Die Performance dauert ca. 90 Minuten, und es handelt sich bei ihr um einen Farb- und Klangrausch allererster Sahne. Man muss nicht eindeutig verstehen, "was gemeint" sein soll; allein wer Augen/Ohren hat zu sehen und zu hören, wird auf seine Kosten kommen. Uferlos scheinen die Möglichkeiten abenteuerlichster Assoziationen. Marie-Luise Strandt (auch als Kostümdesignerin der Berghaus unvergesslich und noch immer [auch bei mir] optisch präsent) muss Hunderte Klamotten entworfen haben; es sieht einfach toll aus, was die Hundertschaften Mitwirkende da so alles anhaben!! Siegert gerieten - neben ihrer insgesamten "Führerschaft" für das agierende Gesamtensemble - unvergessliche und eindrucksvolle choreografische Details, z.B. diese Männergruppe auf den roten Stelzen oder diese Große Grüne auf den schwarzen Schuhpflöcken oder die Goldenes-Kalb-Verherrlichung mit Zimmerspringbrunnen etc. pp.

Die Zuschauer/Zuhörer sitzen auf der Bühne, Moritz Nitsche hat dort eine zirkusartige Arena aufgebaut. Helge Leiberg malt mit Wasserfarben live - wir sehen das auf 2 + 2 + 1 Videoleinwand rings herum und großformatig. Für das Lichtdesign und für die Filme hatte Guido Petzold zuzuarbeiten. Sebastian Kennerknecht leitete alles musikalisch Dargebotene.

Nacherzählen - wie schon angedeutet - lässt sich wohl fast nichts. Hingehen, sehen, hören, überprüfen... Ja, es lohnt sich!!!!!

 


Andreas Behling, in: Zerbster Volksstimme, 18.9.2019

...Das Geschehen besteht aus einer rauschhaften Mischung von Musik, Geräuschen (Komposition und Sounddesign: Ali N. Askin), Gesang, Licht, Filmsequenzen, Tanz und – ein Gerät, das in der DDR »Polylux« hieß, kommt hierfür zum Einsatz – transzendenten Gemälden. Die produziert Helge Leiberg im Verlauf des knapp 90-minütigen, am Ende stark bejubelten Abends für das von Arila Siegert inszenierte und choreografierte Spiel. […]

Das Skizzenhafte lässt Raum für Interpretationen. […] Es darf reichlich gerätselt werden. Das ist spannend und kurzweilig. Und selbst als das gelbe Dreieck und der blaue Kreis eine Liaison eingehen, reißt einen keine grüne Langeweile in ihren abgrundtiefen Schlund. […]

Das Spektakel, der Idee des »Totaltheaters« von Bauhaus-Chef Walter Gropius verpflichtet, berührt alle Sinne und ist ein gelungenes Experiment. An dem das ganze Ensemble, dies darf aus der abschließenden, nahezu sportlichen Umrundung der Spielstätte geschlossen werden, eine Menge Spaß hatte.

Lohnt es sich also, in der nächsten Staffel der Uraufführung dabei zu sein? Ja, ganz bestimmt! Muss man ein eingefleischter Anhänger der Bauhaus-Philosophie und seiner Protagonisten sein? Nicht unbedingt.


In der japanischen Zeitschrift Ongakugendai (Tokyo) äußerst sich Chihoko Nakata begeistert, insbesondere über die choreografisch-tänzerische Einrichtung des Werks durch Arila Siegert.

In einem längeren Vorschau-Artikel auf das Bauhaus-Jubiläum, das die  "New York Times" am 22.08.2019 von Joshua Barone veröffentlichte unter dem Titel
At the Bauhaus, Music Was More Than a Hobby
wird auch die Realisation von "Violett" erwähnt:

...Issues of the Bauhaus Journal often included listings of recitals, some of which showcased the cutting edge of contemporary music, like that of Berg or George Antheil. One issue mentions a theatrical work in progress by Kandinsky, “Violet,” that never came to be; it will have its premiere, completed by a team that includes the composer Ali N. Askin, at the Anhaltisches Theater in Dessau next month. The artist did finish one project for the stage: “Pictures at an Exhibition,” using Mussorgsky’s score, which premiered at the Friedrich Theater in 1928...


Vorberichte